Sprachlosigkeit

Es wird viel geredet, doch wenig miteinander gesprochen. Viel zu wenig.

Ich verfolge gerade eine sogenannte „Diskussion“ auf FaceBook. Entweder man ist sich einig oder man bewirft sich gegenseitig mit Worten. Aber es wird in der Regel nichts sachlich, ruhig, Schritt für Schritt geklärt. Stattdessen Beleidigungen, negative Zuweisungen, Killerargumente, Halbwahrheiten. Keine stringente Logik, keine Klarheit, keine sprachliche Disziplin, kein Einhalten kommunikativer Regeln.

Eine sachliche Klärung findet so nicht statt, kann auch gar nicht stattfinden. Man weiß hinterher genauso wenig wie vorher, was die Einzelnen wirklich denken. Wenn jemand damit argumentiert, dass er nicht so viel essen könne, wie er kotzen möchte, dann disqualifiziert er sich selbst, genauso wie derjenige, der faktenfrei argumentiert. Es ist eine mit Worthülsen gefüllte Sprachlosigkeit, die einem da begegnet. Aber sich darüber aufzuregen ist sinnlos, genauso ineffektiv ist es, sich über die Gründe Gedanken zu machen, denn das ändert überhaupt nichts. 

Das Einzige, was Sinn macht, ist sich bewusst zu werden, was da überhaupt passiert, ohne gleich Ursachenforschung betreiben zu wollen, und dann nach der Möglichkeit für eine Auflösung zu suchen. Es ist wie mit der Dunkelheit. Über die Dunkelheit zu jammern und zu klagen hilft ja nicht. Das Einzige, was helfen könnte, wäre ein Licht anzumachen. Was natürlich voraussetzt, dass man überhaupt weiß, dass das Licht aus ist und man nicht etwa nur die Augen zu und eine Schlafmaske auf hat.

Doch das bringt einen noch nicht weiter, man muss, angenommen es ist tatsächlich dunkel, auch noch wissen, wie und mit was man Licht machen und wo man das finden kann, was man dazu braucht. Und genau da sitzt der Wurm drin, denn die Allerwenigsten wissen, wie man Licht macht. Und genau deswegen wird immer weiter über Dunkelheit diskutiert, statt Licht zu machen. Es ist, wie es in der Erzählung von H. G. Wells „Im Land der Blinden“ umschrieben wird. Statt dem Sehenden zu folgen will man ihm das Augenlicht nehmen.

Und genau das ist das wirkliche Problem, die fehlende Bereitschaft zu erkennen, dass man selbst im Dunkeln steht. Denn genau damit würde es anfangen. Denn solange man das nicht sieht, gibt es absolut keinen Grund, auf „Empfang“ statt auf „Sendung“ zu schalten. Unter einem „Sehenden“ verstehe ich übrigens keinen Guru oder etwas in der Art, sondern jemanden, der sich mit der Bedeutung der Erkenntnisse der Quantenphysik, der Neurobiologie, der Wissenssoziologie und der Erkenntnistheorie auskennt.

Aber das ist noch lange nicht alles, das ist nur die negative Variante. Es gibt nämlich noch die angenehme, die Kinderstuben-Variante. Auch Konvention genannt. Da verhalten sich alle ganz gepflegt, sprechen freundlich, nett und gesittet, aber miteinander reden tun sie auch nicht. Nur diese Variante fällt eben nicht auf. Beiden Haltungen ist gemein, dass sie letztlich nichts wirklich sagen, weil sie zu keiner Zeit bereit sind, ihre Maske aufzugeben und sich statt dessen an eine Begriffswelt klammern, die keine Lösungen beinhaltet.

Daher ist es müßig, über Lösungen zu sprechen, solange von den Betroffenen das eigentliche Problem nicht erkannt wurde. Dabei ist das ganz einfach zu erkennen, sie müssten nur die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch einmal auf sich selbst und die eigene Persönlichkeit beziehen. Na gut, einfach ist relativ. Es kostet eine Menge Überwindung, sich darauf einzulassen, dass man selbst nicht wirklich existiert, also nicht als Entität, sondern nur als Prozess. Aber darüber nur nachzudenken ist definitiv nicht ausreichend, man muss es auch ganz konkret in sein Tun integrieren.