Täter oder Opfer? Oder Opfer und auch Täter?

Ein emotionales Minenfeld.

Das Einfachste wäre sicherlich, es bei der üblichen Handhabung zu belassen. Bei unangenehmen oder schlimmen Dingen ist man Opfer, bei den angenehmen und guten Sachen ist man Täter. Und ein Opfer ist normalerweise kein Täter und ein Täter auch kein Opfer. So klar, so einfach und so unzulänglich.

Dabei sollten wir, die heute in Deutschland (ich schreibe bewusst nicht BRD) als Kinder deutscher Eltern Geborenen es eigentlich besser wissen. Meine Eltern waren in der Zeit von 1933 bis 1945 ganz vorne mit dabei. Wir Kinder wuchsen in Unwissenheit dessen auf. Wir ahnten nichts von der elterlichen Vergangenheit. Was die Eltern im Krieg machten, darüber wurde einfach geschwiegen. Aber irgendwann wurde es uns dann doch bewusst, ‚dass da was war‘, auch wenn mein Bruder und ich damit sehr unterschiedlich umgingen.

Klar, meine Eltern waren Täter. Aber ich kam erst dann aus diesem ‚geistigen Feld‘ heraus, als ich begriff, dass es auch eine andere Seite gibt. Dass meine Eltern auch Opfer ihrer Lebensumstände waren. Man wagt das kaum zu schreiben, man spürt schon den Sturm der Entrüstung. Aber das ‚Täter-Sein‘ darf man um Himmels Willen nie gegen das ‚Opfer-Sein‘ aufrechnen. Das Grausige ist und bleibt grausig. Aber das andere auch. Und es ist auch kein Automatismus, dass ein Opfer auch ein Täter wäre. Das macht es wirklich nicht besser und weniger grausam, was da geschah.

Mein Vater ist 1910 geboren. Sein Vater fiel 1914 im ersten Weltkrieg in Frankreich. Er war Einzelkind und seine Mutter, meine Oma, musste sich, ohne Beruf mit ihrem Kind durchschlagen. Was für eine Prägung! Und dann kam 1933. Endlich die Chance, den Tod des Vaters aufzurechnen und es den anderen heimzuzahlen. Aber macht es das auch nur andeutungsweise besser, was er dann getan hat?

Es kommt auf die Tat an. Ich muss verantworten, was ich tue. Und es spielt keine Rolle, was man mir antut. Es gibt einfach keine Rechtfertigungen dafür. Erst dann, wenn wir mit der unausgesprochenen Übereinkunft aufhören, Opfer nicht auch als Täter zu zeigen, können wir das Unfassbare überhaupt verstehen. Mittlerweile ist Mordechai Striglers „Majdanek“-Bericht auf Deutsch erschienen. Oder das Buch ‚Roman eines Schicksallosen‘, ein Buch von Imre Kertész, ein Buch, das mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Aber, wie gesagt, das macht es kein bisschen besser. Das darf man nie vergessen.

Vor allem wird eines deutlich: Es ist nie vorbei. Es ist das Damoklesschwert des Menschseins. Und dieses Schwert hängt über jedem von uns. Und jeder von uns muss damit klar kommen. Immer wieder verantworten, was er tut. Sich nicht für ‚die richtige Seite‘ entscheiden, sondern immer selbst verantworten, was man tut.

Das ist, was ich aus der Geschichte meiner Familie gelernt habe. Dass ich immer verantworten muss, was ich tue und ich mich nie hinter einem wie auch immer gearteten System verstecken kann. Keine Ideologie kann rechtfertigen, was ich tue. Das muss ich selbst verantworten. Doch um das zu erkennen, muss ich aufhören, die Welt in Täter und Opfer zu sortieren und sehen, dass beides in uns sein kann. Was ich aus einer Opferhaltung heraus tue, ist durch das Opfer-Sein wirklich nicht gerechtfertigt. Und es ist zu einfach, in einem Täter nur den Täter zu sehen. Das entschuldigt seine Tat nicht, aber das Bewusstsein dafür kann uns und mir helfen, keiner falschen Ideologie aufzusitzen.