Tun oder nicht(s) tun?

Was soll man tun? Was kann man tun? Kann man überhaupt etwas tun? Und dann auch noch willentlich?

Üblicherweise glauben wir ja, jedenfalls viele tun das, dass wir bewusst handeln könnten und auch würden. Doch tun wir das wirklich? Warum ich gerade das tue, was ich tue, wird mir beziehungsweise ist mir bewusst, doch das bedeutet nicht, dass ich mich auch bewusst entschieden hätte, genau das zu tun, was ich gerade tue.

Und wenn wir denken, wir würden irgend etwas bewusst entscheiden, dann ist das schlichte Einbildung. Libet hat das hinreichend belegt. Wie gesagt, ‚hinterher‘ können wir das wissen, aber nicht im Moment der Entscheidung. Und gehen wir von dem bekannten Eisbergmodell aus, wonach 20 % bewusst und der Rest nicht bewusst ist, dann sollten wir uns überlegen, woher wir eigentlich wissen wollen, was wir gerade bewusst entscheiden tun und was nicht? Interessante Frage, oder nicht?

Bedenkt man dann noch, dass das Pareto-Prinzip dem Eisbergmodell zugrunde liegt, die Untersuchungen von Vilfredo Pareto jedoch etwas völlig anderes zum Gegenstand hatten, dann kann man ahnen, dass das alles hoch interessant ist, aber keine psychologische Relevanz hat, auch wenn alle so tun, als hätte es die. Warum aber geben sich die Menschen diese Mühe, bewusstes Handeln irgendwie, wenigstens ansatzweise real erscheinen zu lassen?

Der Grund ist einfach. Es geht darum, die Illusion des aus sich selbst heraus existierenden Ich am Leben zu erhalten. Und dafür braucht man solche gedanklichen Konstrukte. Das wirklich Dumme ist nur, dass diese Illusion auch in unserer Sprache steckt und mit ihrem Gebrauch immer wieder lebendig wird. Also braucht man sich garnicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was man und ob man etwas tun kann.

Man tut einfach, was man tun wird. Und das ist eine Folge der Handlungsmuster, die man verinnerlicht hat.  Und genau darum genügt es, etwas bei sich selbst genau anzuschauen, sich bewusst zu werden, was man gerad tut – und man wird entsprechend handeln. Ob man das will oder nicht ist vollkommen egal, man tut es. Aber es ist logischerweise nicht egal, was man tut. Dem liegt die eigene Haltung zugrunde. Mal wieder der Dreh-und Angelpunkt.

Wir brauchen nur das Wollen aufgeben und uns einfach dem zu überlassen, was geschieht. Auch wenn wir es nicht sind, die handeln, sind wir es, die handeln. Der einzige Unterschied, wenn man so möchte, besteht in unserer Vorstellung. Nur das ist anders. Aber entscheidend. Klingt schön ist es aber nicht. Denn genau genommen ist es die völlige Abwesenheit von Vorstellungen.

Und da haben wir ein gewaltiges Dilemma. Ken Wilber hat festgestellt, dass prä- und post-personales Verhalten zwar identisch in ihrer Erscheinung sind, aber nicht in ihrer Haltung. Heißt auf Deutsch, dass man wunderbar auf sich selbst hereinfallen kann. Man kann sehr, sehr authentisch sein, aber eben leider auch ein authentischer Depp.

Allein zu sagen ‚Werdet wie die Kinder‘ ist nur die halbe Wahrheit, nämlich dann, wenn nicht auch die Weisheit der Alten hinzukommt. Ich habe ein Photo von meinem Enkel, als er ein paar Monate alt war, auf dem sieht er wie ein Heiliger aus. Aber mittlerweile verwächst sich das. Darum wird auch im Zen ein Mensch, der bei sich selbst angekommen ist, mit dem Gesicht eines Babys und einem langen Bart dargestellt.

Und genau das ist ‚der Weg‘: Wir werden vollendet gezeugt beziehungsweise geboren (da bin ich mir nicht ganz sicher), konditionieren uns dann und passen uns gesellschaftlich an, um das dann nicht wieder zu vergessen, sondern zu transzendieren. Wenn wir das dann wirklich realisiert haben, dann sprechen wir vom Tun durch Nicht-Tun.

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