Und was, wenn alles ganz anders ist?

Können sich widersprechende Meinungen gleichermaßen berechtigt sein?

Eine, wie ich finde, durchaus berechtigte Frage. Allein die Tatsache, dass jemand etwas total Verrücktes zu denken in der Lage ist, wirft ja schon Fragen auf. Kann denn etwas, das im Kosmos existiert, keine Existenzberechtigung haben? Man darf ja den Kosmos nicht nur auf scheinbar materielle Dinge reduzieren, das Geistige ist davon nicht zu trennen.

Genauso, wie – natürlich rein theoretisch – nichts aus dem Kosmos hinweg genommen werden kann, ohne dass der ganze Kosmos aufhören würde zu existieren, genauso wenig kann man etwas Gedachtes, also etwas Geistiges hinweg denken, denn das Geistige existiert ja genauso wie der Stuhl auf dem ich sitze. Dass es tatsächlich ein und dasselbe ist, das kommt noch dazu.

Das ist etwa so wie wenn ich eine Flasche Wein auf dem Boden zerdeppere und dann sage ‚Nein, das kann doch nicht sein!‘ Doch, kann es. Aber heißt das, dass etwa politische Ansichten gleichberechtigt nebeneinander stehen können? Ja, das können sie. Das ist so, auch wenn einem das überhaupt nicht in den Kram passt. Also alles ok? Nein, das ist es auch nicht.

Denn im Gegensatz zu den Tieren verfügt der Mensch über wesentlich mehr Wahlmöglichkeiten und damit um weit mehr Handlungsoptionen. Und die gehen nun einmal von zerstörerisch bis kreativ. Aber das sieht nicht jeder so, der eine findet es richtig, der andere bescheuert. Doch was was ist, das ist nicht so einfach festzustellen, da braucht es schon ein wenig mehr Überlegungen als viele denken.

Gleichermaßen berechtigt sind die verschiedenen Meinungen fraglos. Doch sie sind nicht gleich sinnvoll. Das ist eine Frage der Perspektive. Also wie damit umgehen? Das ist die entscheidende Frage! Verurteilen und den anderen einen Depp zu nennen hat noch nie funktioniert. Es ist auch die Frage, ob das, was wir unter Intelligenz verstehen, ein valides Auswahlkriterium sein kann. Das bezweifle ich mittlerweile, denn Intelligenz ist wohl nicht in unserem Hirn angesiedelt. 

Doch eines bleibt, außer natürlich sich aufzuregen: Und das heißt miteinander zu reden. Aber bitte wirklich dialogisch! Nicht diese Debatten, die viele schon als Dialog ansehen. Also erst einmal die Struktur eines Dialogs klären. Wenn das gelingt und sich die Beteiligten darauf einlassen können, dann geschieht das Richtige ganz von alleine.

Ich denke, dass man erst das Wie sauber klären muss, das Was ergibt sich dann von selbst. Darum habe ich es immer mit Prinzipien und einem Stylesheet. Die sagen einem auch nicht was, sondern wie man etwas machen soll, kann oder muss. Alles eine Frage der (Selbst-) Organisation.

 Es kommt noch etwas, wie ich finde, sehr Wichtiges hinzu. Bevor man überhaupt miteinander reden kann, muss man klären, wovon man überhaupt ausgeht. Ich habe für mich ein paar mentale Werkzeuge, die ich für unverzichtbar halte, will ich mich nicht in irgendwelche Spekulationen verlieren. Da ist Ockhams Rasiermesser, das ich sehr liebe. Das Nächste ist die Notwendigkeit, Annahmen auch zu verifizieren, genauso wie ich nichts ignorieren darf, nur weil es mir nicht in mein gedankliches Konzept passt.

Man muss sich über das verständigen, was Fakt ist. Ein solches Beispiel ist etwa der Doppelspaltversuch. Oder die Verschränkung von Teilchen, genauso wie die Tatsache (!), dass Information ganz wesentlich in der Welt der kleinsten Teilchen ist. Natürlich wird man irgendwann auch diese physikalischen Erkenntnisse fortschreiben. Aber das macht sie nicht falsch, nur unvollständig. So wie Newtons Physik nicht falsch ist, sondern eben nur unvollständig.

Also keine Spekulationen! Dann kann man sinnvoll miteinander reden. Auch ‚Sinn‘ ist nur in einem klar definierten Kontext zu finden, nie und nimmer in der Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Ein Tetralemma ist eine sehr gute Sichtweise für die Wirklichkeit, doch es verlangt viel Hirn, um zu sehen, ob zwei Zustände wirklich gleichzeitig existieren – oder man einfach nicht genau genug hingeschaut hat.