Und was, wenn ich ganz anders bin?

Was wäre dann?

Gestern sagte jemand etwas über sich selbst, etwas, das er in bestimmten Situationen immer tut. Es war eine ‚wenn, dann‘ Kombination. Wenn ‚dieses ist, dann tue ich das‘.

Aber ist das so? Nein, ist es nicht. Das sollte uns klar sein. Wenn ich, etwa wenn jemand mit mir das Diskutieren anfängt, mich innerlich zurückziehe und nicht mehr rede, dann ist das so, nicht weil ich ein psychologisches Problem habe, sondern einfach deshalb, weil es einem internalem Muster entspricht.

Aber das ist nicht das eigentliche Problem, sondern etwas ganz anderes. Es ist die Überzeugung, dass man eben so wäre. Und normalerweise glauben die Menschen an sich. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht. Denn sie glauben nicht eigentlich, sondern absolut an sich, sie glauben, dass alles, was sie tun und wie sie sind, exakt so sein müsste. Das muss man erst einmal verstehen.

Doch das müsste nicht sein. Absolut nicht. Aber warum ist es nicht einfach anders? Weil unsere Psyche so eine Art riesiges Kartenhaus ist. Ziehen wir eine Karte heraus, laufen wir Gefahr, dass das Ganze zusammenstürzt. Und wenn es eine ‚wichtige‘ Karte ist, sozusagen ein Stützpfeiler, dann passiert das garantiert. Das wiederum muss man auch verstehen.

Also wird derjenige, der nicht redet, wenn ein Konflikt auftaucht, auch weiterhin nicht reden. Ist ja logisch, oder nicht? Wer ist denn schon bereit, sich selbst, also seine Psyche, aufs Spiel zu setzen? Also ich nicht! Ich hatte auch so meine Macken, die wurde ich erst im Scheitern los. Wie sagt doch Wilhelm Busch ganz richtig? ‚ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.‘ Und exakt das ist die dritte Erkenntnis, die man braucht.

Genau so ist es nämlich. Man braucht diese drei Elemente, um zu verstehen, was da passiert. Jemand macht etwas, das anderen vollkommen unsinnig erscheint, doch derjenige tut es, weil er (oder sie) die feste Überzeugung hat, dass er (oder sie) so wäre. Und Punkt. Aber das ist er (oder sie) eben nicht. Wir sind nun einmal nichts klar Definiertes wie ein Stück Kuchen, sondern wir sind ein Prozess, ständig in Bewegung, ständig im Fluß. Nur wir erleben uns in der Regel als statisch. Zu merken an Äußerungen wie ‚ich bin eben so‘. Erkenntnis Nummer vier.

Was aber folgt daraus? Wir brauchen nicht in unserer Psyche herumzukramen, warum wir sind, wie wir eben sind, sondern wir sind so, weil genau das unserem inneren Selbstbild entspricht. Und ein Selbstbild braucht eben ein Weltbild als Negativ. Es ist also das eigene Welt- und Selbstbild, das uns sein lässt, wie wir sind. Erkenntnis Nummer fünf.

Damit liegt die eigentliche Frage auf der Hand. Wie ist denn die Welt? Aber an die kommt man nicht so einfach heran. Wenn ich beispielsweise meinen Fernseher untersuchen will, warum der nicht funktioniert, dann brauche ich Kenntnisse in Elektrotechnik, soll es was Gescheites werden. Ich brauche also Wissen und Haltung, Haltung, denn wenn ich mit einer schludrigen Einstellung daran gehe, werde ich gleich einen Neuen kaufen.

Der Protagonist William von Baskerville in dem Buch ‚Im Namen der Rose ist ein sehr gutes Bespiel dafür, wie das geht, Dinge zu hinterfragen und welche Haltung man braucht, um das eigene Weltbild zu untersuchen. Das wäre Erkenntnis Nummer sechs.

Also fragt man sich, wie man leben müsste, um all diese Erkenntnisse zu beherzigen. Denn das ist Erkenntnis Nummer sieben: Nichts wird sich ändern, solange ich weiter lebe wie bisher schon. Man erinnere sich nur einmal an ein einschneidendes Erlebnis im eigenen Leben, als das Leben ‚anders‘ wurde. Was ist passiert? Kein Kartenhaus ist eingestürzt. Man hatte ‚nur‘ ein anderes Lebensziel.

Und schon wurde alles ganz anders. Es ist also die Frage ‚Wie will ich leben?‘ die man sich und der man sich ernsthaft stellen muss. Und ja, es ist ein muss, wenn sich etwas ändern soll. Sonst wird es immer so bleiben, wie es ist. Aber die Frage sollte man sich nicht allzu lange stellen, sonst ergeht es einem wie es in in den Anfangszeilen eines Gedichts aus 1001 Nacht heißt: 

Die Menschen schlafen solange sie leben.
Erst in ihrer Todesstunde erwachen sie.‘

Und wer möchte das schon? Aber zurück zu der Frage, was wäre, wenn Sie ganz anders wären. Glauben Sie mir, Sie sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was Sie zu sein glauben. Niemand kann das nämlich von sich sagen. Wir sind eben ein Prozess, fließend. Und darum ist jede Überzeugung, dass man so oder so wäre, schlicht falsch. Es gibt nur sehr, sehr weniges, was so bleibt, wie es ist. Alter, Geschlecht, Größe … beim Aussehen wird es schon eng.

Wenn Sie Ihr Lebensumfeld ändern, ändern auch Sie sich. Garantiert. Denken Sie mal drüber nach!

‚Wie kannst du dir selbst begegnen, wenn alles, was du gelebt hast, ein Pseudoleben, unauthentisch war, wenn du nie geliebt hast, sondern nur vorgetäuscht hast zu lieben? Denn dann wirst du erkennen, dass die ganze Sache eine Täuschung war: Nicht nur hast du vorgetäuscht zu lieben, du hast auch vorgetäuscht, glücklich zu sein, wenn du liebst. Du hast niemand anders getäuscht als dich selbst. Jetzt also zurückschauen, nach innen schauen? – Da packt dich die Angst.

Du hast gedacht, dass du etwas Einmaliges bist – das denkt jeder. Das ist das Gewöhnlichste von der Welt, sich für außergewöhnlich, für etwas Besonderes, „den Auserwählten“ zu halten. Aber wenn du dich anschaust, wirst du erkennen, dass da nichts ist – nichts, worauf sich das Ego etwas einbilden kann. Wo will das Ego dann stehen? Es wird einstürzen, in den Staub fallen.

Es ist Angst da, dich anzusehen … und dadurch, dass du nicht hinsiehst, kannst du weiter Träume um dich her weben, Bilder von dir selbst. Und es ist sehr leicht und billig, ein Bild herzustellen, aber es ist sehr schwer und hart, wirklich etwas zu sein. Man wählt immer das Billigste – und du hast das  Billigste gewählt. Jetzt hinzusehen ist schwer.‘

Aus Osho, ‚Die verbotene Wahrheit‘