Verhalten, Mangel und System

Es fängt immer bei einem selbst an.

Jedes Verhalten eines Menschen, das dem System nicht dient, in dem er lebt, beruht auf einem Mangel.

So bedingt das Gefühl, ausgeschlossen zu sein oder nicht dazu zu gehören, möglicherweise Egoismus, das Gefühl, nicht zu bekommen, was einem zusteht, bedingt möglicherweise Neid. Und so weiter und so fort.

Es ist leicht, das Symptom zu erkennen und doch oft sehr, sehr schwierig, die grundlegende Ursache eindeutig zu erkennen und zu identifizieren, oft auch, weil die tatsächlichen Lebensumstände dem zu widersprechen scheinen.

Vieles von dem, was Menschen in ihrem Leben tun, ist nichts anderes als der Versuch, diesen Mangel zu stillen. Doch wenn man ihn sich nicht wirklich eingesteht, ihn nicht wirklich sehen kann, dann versucht man ihn eben zu kompensieren.

Man kann einem Menschen helfen, wenn man ihm die Frage stellt, die Parzival Amfortas gestellt hat: ‚Woran leidest Du?‘ Doch das setzt Bewusstheit auf der Seite des Betroffenen voraus. Und dann wird es oft schwierig, denn das hieße, dass sich der oder die Betreffende die Frage erst einmal selbst stellen können müsste. Und letztlich muss das auch jeder tun.

Wenn ich aber sehe, dass jemand leidet, dann ist es richtig, ihm mit dieser Haltung zu begegnen, eben zu sehen, dass er leidet, doch ohne ihm helfen zu wollen. Wie heißt es doch so schön: ‚Bitte nicht helfen, es ist schon schlimm genug! Wir sind nun einmal nicht von außen beeinflussbar, eben autopoietisch.

Aber das bedeutet wahrlich nicht, störendes oder verletzendes Verhalten eines anderen hinzunehmen und zu ‚tolerieren‘, was übrigens erdulden und ertragen bedeutet.

Denn das hieße, die eigene Würde aufzugeben. Verhalten zu tolerieren ist ein schwieriges Thema, denn es bringt einen selbst schnell an die sprichwörtlichen eigenen Grenzen, die manchmal sichtbar werden, wenn man nicht mehr bereit ist, alles runterzuschlucken, was der andere tut, statt für Klarheit zu sorgen.

Es fängt eben immer bei einem selbst an. Erst muss man sich selbst ‚in Ordnung‘ bringen, dann kommt vielleicht auch der andere in Ordnung, denn durch ‚falsches‘, weil sich selbst verratendes Verhalten (!) stützt man ihn ja paradoxerweise in dem,  was man ‚eigentlich‘ nicht will.

Doch was kann man tun, um aus einem solchen ‚falschen‘ Leben herauszukommen? Ganz einfach: Eben anders zu leben! Und das ist leichter, als man vielleicht denkt. Erkenne beziehungsweise gestehe ich mir, dass ich ‚falsch‘ lebe, bedeutet das ja nicht, dass ich wüsste, wie ich ‚richtig‘ leben kann oder sollte. Und das kann mir auch keiner sagen, das muss ichschön selbst herausfinden.

Aber ich kann etwas anderes tun. Es beginnt damit, dass man sich die Prinzipien vergegenwärtigt, nach denen man leben will. Etwa Würde. Das weitere Vorgehen ist nicht schwierig, es braucht nur Konsequenz und Entschlossenheit. Denn all das ‚Falsche‘, das ich bisher in Kauf genommen habe, habe ich ja nicht nur gedacht, sondern auch in der Art und Weise umgesetzt, wie ich gelebt habe; angefangen bei so banalen Dingen wie ich meine Wohnung eingerichtet habe und was ich anziehe. 

Man darf dabei nicht vergessen, dass Denken und Tun immer miteinander tanzen! Mal tanzen sie einen Tango, mal einen Schieber. Eine Frage der Kultur. Denken und Tun werden in der eigenen Kultur sichtbar. Also nehme ich die Prinzipien, die ich für mich als richtig erkannt habe, etwa Würde, und mache sie zu dem Maßstab, mit dem ich mich messen – und noch besser, mich messen lasse, denn dann ist die Gefahr gebannt, mich selbst zu belügen. 

Warum ist das so wichtig? Weil genau das ist das eigentliche Problem, sich selbst zu belügen, nicht zu sich selbst zu stehen, ohne wenn und aber.