Verkehrte, aber heiß geliebte Weltsicht

Schon schwierig, das Gewohnte als Illusion einzustufen. Und dann auch noch zu ändern.

Und das hat mehrere Gründe. Zum einen fällt es uns schon einmal schwer, unsere eigene Meinung aufzugeben. Nicht weil wir dazu nicht bereit wären, aber eine Meinung steckt ja nicht irgendwo isoliert in unserem Kopf, sondern ist in einem Netzwerk von neuronalen Verbindungen gespeichert. Seine Meinung zu ändern heißt also nicht nur, die Meinung eines Anderen zu akzeptieren, sondern man muss auch die entsprechende neuronale Matrix ausbilden.

Also einüben. Praktizieren. Und das ist unter Umständen ganz schön herausfordernd, nicht nur die falsche eigene Meinung zu identifizieren und zu erkennen, wo sie sich überall versteckt oder drinsteckt, sondern dann auch noch die stimmige Ansicht in das eigene Denken zu integrieren. Man weiß eben nicht, wo sich die entsprechenden Schaltkreise befinden. Bodhidharma, der, der Zen nach China brachte, hat ja gesagt es sei egal, ob man Erleuchtung spontan erfährt und dann übt (praktiziert) oder eben erst übt und dann Erleuchtung erfährt. Der Sinn und Zweck des Übens beziehungsweise des Praktizierens kennen wir heute: Es geht um die neuronale Neuorganisation!

Das muss man definitiv wissen, will man etwas erreichen. Die gute Absicht alleine genügt leider nicht. Wäre wirklich schön, ist aber nur ein weiterer illusionärer Traum. Krishnamurti hat einmal die entscheidende Frage gestellt: ‚Warum sind wir nach Jahrmillionen der Evolution, in denen wir enormes Wissen und Erfahrung gesammelt haben, immer noch dieselben? Warum leiden wir immer noch, hassen einander immer noch, leben in persönlichen Illusionen? Warum sind wir stammesgebunden, setzen uns für Nationalitäten ein? Wo liegt die Ursache hierfür?‘

Es ist die Frage nach dem Beharrungsvermögen des Menschen. Wobei das Wissen dabei eine paradoxe Rolle spielt. Je mehr wir zu wissen glauben, jedenfalls ist das mein Eindruck, desto schwerer fällt es uns Dinge überhaupt für möglich zu halten, die damit nicht im Einklang stehen. Obwohl es so einfach wäre. Einfach untersuchen, was ist. Und wenn es ein anderer behauptet, verifizieren. Also untersuchen. Und damit kommt man direkt und ohne Umwege zum zweiten Hinderungsgrund. Warum fällt es uns so schwer, die Meinung eines anderen für möglich zu halten und sie zu verifizieren?

Eigentlich blöd, das nicht zu tun. Nur, solange wie wir mit einem ‚Ich‘ identifiziert sind, solange wir uns für ein aus sich selbst heraus existierendes Wesen halten, solange haben wir ein ernsthaftes Problem damit, eine unserer Meinungen auf die Müllhalde der falschen Überzeugungen zu kippen, weil jede existenzielle Meinung eben genau das ist: Existenziell. Heißt, sie ist mit unserem Ich-Gefühlt verwoben. Und das hat dann einen gehörigen Webfehler, nimmt man da eine Meinung einfach so mal raus und tauscht sie gegen eine andere aus. Oder noch schlimmer, man hinterlässt einen leeren Fleck. Ein Loch in der Maske.

Von daher wäre es klug, sich erst einmal klar zu machen, dass das mit dem ‚Ich‘ so eine Sache ist. Also eine Illusion, weil wir nämlich ein Prozess sind. Aber das zu sehen genügt nicht, man muss auch die entsprechenden neuronalen Strukturen ausbilden. Und da beißt sich die Katze möglicherweise mal wieder in den Schwanz. Eines hilft übrigens ungemein dabei, die richtige Einstellung zu bekommen: Das ist zu scheitern. Wenn man die Karre eh an die Wand gefahren hat und einem zumindest im Moment alles schnurz egal ist, wenn man also so ordentlich gescheitert ist, dann lässt sich das Gehirn leicht umbauen.

Das wusste schon Erich Kästner: ‚Ist der Ruf erst einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.‘ Wo es nichts mehr zu verteidigen gibt, stehen die Tore eben weit offen. Oder man geht einfach her und hört endlich auf, sich gegen andere Meinungen zu verteidigen. Aber bitte das verifizieren nicht vergessen! Ist übrigens interessant, dass das so selten getan wird, denn es ist die optimale Art und Weise, um jemanden zu widerlegen. Jedoch nicht des Recht-habens wegen, sondern weil man wissen will, was stimmt. Gewaltiger Unterschied!

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