Wahrheit oder was stattdessen?

Keine schwierige Gratwanderung, nur eine Frage des eigenen Selbstverständnisses.

Zuerst eine Feststellung: Wahrheit ist ohne wenn und aber eine subjektive Angelegenheit. Zwar kann meine subjektive Wahrheit relativ richtig sein, ob es eine objektive Wahrheit gibt, ist eine verdammt gute Frage. Ich meine nämlich, dass es die nicht geben kann. Also relativ. Doch das bedeutet definitiv nicht, dass ich mich mit Beliebigkeiten abgeben würde, denn das bedeutet Allgemeinplätze und auch Willkürliches.

Wenn ich eine (subjektive) Wahrheit vertrete, dann teilt man die oder eben nicht. Teilt man sie nicht, dann lasse ich mich gerne davon überzeugen, dass sie unzutreffend wäre. Ich bin sogar froh, wenn ich meinen Wahrheitsfundus erweitern kann. Jederzeit. Nur mit Beliebigkeiten streite ich nicht. Das Schwierige dabei ist nur meist, dass an der Oberfläche gestritten wird und die Grundannahmen nicht ordentlich geklärt werden. 

Also rede ich über Wahrheit. Oder aber ich quatsche nur ohne Sinn und Verstand herum. Dazwischen gibt es nur höfliche Konvention, doch ohne, dass darin ein Sinn läge, keine Möglichkeit der Erkenntnis. Den Erkenntnis braucht unabdingbar die Suche nach Wahrheit, alles andere ist Augenwischerei. Auch Halbwahrheiten sind leider nur falsch. Und in der Konvention ist auch keine ernsthafte Begegnung von Mensch zu Mensch möglich, keine Begegnung im Geist. Wie auch? 

Wenn beispielsweise ein Bekannter vorbeikommt und etwas erzählt, ich aber aus lauter Höflichkeit nicht sage, dass ich das für Quatsch halte, dann ist es die Frage, die ich mir schon stellen müsste, ob ich dann nicht schlicht und ergreifend lüge. Und das dann auch noch wissend, da ich ja meine Meinung bewusst nicht sage! Ok, bei Bekannten scheint das erst einmal notwendig zu sein. Aber dann sollte ich mir auch Gedanken über unser Verhältnis machen. Aber nicht nur das.

Wenn wir nicht Tacheles miteinander reden, wie wollen wir dann überhaupt irgend etwas gemeinsam hinbekommen? Was natürlich die Frage aufwirft, ob all die Probleme in der Gesellschaft nicht genau da ihren wirklichen Grund haben – in der Konvention.

Konsequent von der eigenen Wahrheit auszugehen setzt natürlich voraus, sich zum einen der eigenen, angenommenen Wahrheit überhaupt bewusst zu sein, also der eigenen Überzeugung, um sie immer wieder verifizieren zu können. Denn wir gehen immer von Wahrheiten aus, auch wenn wir Beliebigkeiten kommunizieren, nur dass wir die eben nicht offen zeigen oder uns ihrer auch überhaupt nicht bewusst sind, um den schönen Schein der Konvention nicht zu zerstören. 

Zu den eigenen Wahrheiten zu stehen bedeutet natürlich auch, sie der Gefahr aussetzen, dass sie im Gespräch, idealerweise einem Dialog, zerbröselt. Denn dabei könnten die sich als schlicht unzutreffend herausstellen. Autsch. Oder danke! Eine Frage der persönlichen Haltung. Bin ich allwissend oder untersuche ich das, was ist? Das ist die Frage. 

Je heftiger ich den Allwissenheitsanspruch eines anderen ohne substanzielle Darlegung bestreite, ist das ein klarer Hinweis darauf, dass ich mir meiner eigenen Wahrheiten nicht bewusst bin oder auch nicht werden will. Es ist ja unter dem Thema Trauma hinlänglich bekannt, dass wir Menschen unter Umständen kein Freund der Wahrheit sind, alles unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der eigenen Psyche. Doch was schützen wir da eigentlich? 

Die Definition eines Traumas lautet etwa ein „… vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ Das ist es: Dauerhafte Erschütterung des eigenen Selbst- und Weltverständnisses. 

Ich will das persönlich nicht austesten müssen, aber es geht um das „warum ich, warum passiert mir das?“ Ein Trauma heißt schlicht und einfach etwas nicht zu akzeptieren, weil es mich selbst in Frage stellt. Und das muss ich selbst entscheiden, ob es das wert ist, das Ereignis zu leugnen. Doch dazu muss ich erst einmal wissen, was ich tue.

Darum bin ich für die Wahrheit, denn genau die lebe ich ja, die bin ich mit Haut und Haaren, meine Wahrheit. Und nichts anderes. Und genau deshalb stehe ich zu meiner Wahrheit, denn damit stehe ich auch offen und ohne wenn und aber zu dem, was mich ausmacht. Doch ich tue gut daran, diese Wahrheit immer wieder auf die Probe zu stellen und stets von Neuem zu verifizieren. Definitiv besser, als in die Beliebigkeit der Konvention abzugleiten. Die ist nämlich manches, nur nicht offen und ehrlich.