Warum lügt der Mensch eigentlich?

Ganz einfach, weil er etwas nicht wahrhaben will!

Lügen sind ein Fundament unserer Gesellschaft; Lügen halten die Menschheit zusammen – so das Fazit einer Studie eines Wissenschaftlerteams aus Mexiko, Finnland und Großbritannien, die im „Journal of the Royal Society Interface“ erschienen ist. Steht in dem Artikel „Ein Loblied auf die Lüge“ auf Spiegel ONLINE vom 28.10.2015.

Es ist die Lüge der Konvention, wenn man etwas hässlich findet, aber sagt, wie toll es doch wäre. Nichts sagen, was dem anderen wehtun könnte, das ist das übliche gesellschaftliche Kommitment in der Pseudogesellschaft, in der wir leben. Und die nur den wenigsten wirklich bewusst ist. Das Üble aber ist, dass der eigene Part, die eigene Rolle bei diesem gesellschaftlichen Spiel ausgeblendet wird. Und das so elegant, dass man es selbst nicht merkt.

Wäre ja auch nicht witzig, wenn man ständig merken würde, wie man sich gegenseitig anlügt. Der Ehemann, der seiner Frau sagt, wie toll er das neue Kleid findet, obwohl er es in Wirklichkeit gar nicht leiden kann, der käme doch nie auf die Idee, dass er seine Frau anlügt! Er ist doch „nur“ nett und höflich! Aber was tut er denn anderes, als nicht die Wahrheit zu sagen? Und damit er nicht merkt, was er tut, verdrängt er es eben. Schließlich „liebt“ er seine Frau doch! Nur das wiederum verträgt sich nicht mit unserem Selbstwertgefühl. Edel wollen wir sein, edel und gut. Vor allem Besonders. Und wir wollen, dass man aufrichtig mit uns umgeht, uns wirklich sieht. Übrigens der Grund, warum sich Paare oft so fürchterlich weh tun, wenn sie sich trennen. Da wird einfach keine Rücksicht mehr genommen. Das Ende der Konvention, zumindest hier.

Nur wie können wir von einander Aufrichtigkeit erwarten und wie können wir davon ausgehen, gesehen, also wahrgenommen zu werden, wenn wir uns der Konvention zuliebe ständig anlügen? Wie sollen wir denn unterscheiden können, wann wir jemanden ernsthaft täuschen und wann wir nur „lieb“ sein wollen? Viele unterliegen ja immer noch dem Irrglauben, sie hätten sich unter bewusster Kontrolle. Ein Witz. Das Sagen hat das Netzwerk in unserem Gehirn. Und ist es auf Konvention getrimmt, dann jongliert es eben so mit den Lügen, dass wir dabei gut weg kommen. Aber wie sollen wir wissen können, dass es der andere wirklich ernst meint und wann er nur die Konvention aufrecht erhalten will? 

Dummerweise kommen dabei dann auch saftige Lügen heraus, oft selbst nicht bemerkt – man glaubt ja am Ende selbst den Schwachsinn, den man so von sich gibt. Und warum das? Alles nur, damit die Konvention aufrecht erhalten bleibt! „Die Frage, wie wir mit uns selbst und miteinander umgehen, ist und bleibt kritischer Erfolgsfaktor.“ Habe ich gerade auf einem Unternehmerblog gelesen. Solange wir nicht bereit sind, uns aus der Konvention zu verabschieden, so lange heißt Erfolg sich vor allem so anzulügen, dass es der andere nicht merkt. Das Dumme ist dabei nur, dass man das selbst genauso wenig merkt. Das mit der Kontrolle über sich selbst ist ja nett und es tut einem gut, daran zu glauben, nur stimmt es leider nicht. Das Einzige, was wirklich helfen kann, das ist, aus diesem Konvention-Spiel auszusteigen. Aber wenn dann bitte ohne wenn und aber. Das ist zugegebenermaßen nicht einfach und braucht eine ordentliche Portion Überlegung. Was aber kein Grund ist, nicht damit anzufangen.

Es ist schon ganz schön bitter, wenn man weiß, wie man in Wirklichkeit miteinander umgeht. Was natürlich auch bedeutet, dass man dann weiß, wie man selber ist. Darum stehen wir auch so auf kleine Kinder und Tiere, die haben das Konventions-Spiel nämlich (noch) nicht gelernt. Der Gegenspieler zur Lüge ist übrigens nicht die Wahrheit, sondern die Offenheit. Für einfache Wahrheiten ist die Welt viel zu komplex. Auch Ehrlichkeit scheidet aus, denn dafür müsste ich ja absolut wissen können, was in mir so abgeht, wenn ich etwas sage oder empfinde. Ich kann Ihnen zwar sagen, dass ich heute Abend gerne eine Pizza essen möchte, aber fragen Sie mich bitte nicht, warum ich unbedingt eine Pizza essen will. ‚Weil die mir schmeckt!‘ oder ‚Weil ich Lust drauf habe!‘ ist ja nur die Oberfläche, das für mich selbst Sichtbare. Mehr aber auch nicht.

Warum also lügen wir letztlich bewusst, denn wir wissen ja irgendwie, dass wir es tun – auch wenn wir diese Tatsache immer wieder verdrängen! Weil wir in der Konvention leben, in der Pseudogesellschaft, und weil wir das nicht ändern wollen. Denn das würde uns auch mit ein paar unliebsamen Tatsachen, weniger über uns, als in uns konfrontieren. Denn auch das gehört letztlich zur Konvention, das Totschweigen und das Nicht-darüber-Reden. Blöd nur, dass die Natur – und auch wir sind ja Natur – ein so verdammt gutes Gedächtnis hat und solche Geheimnisse und Familientragödien einfach nicht vergisst, sondern über Generationen hinweg weitergibt. So lange, zwar in veränderter Form, aber doch weitergibt, bis es endlich einer oder eine offenlegt und dazu steht – ohne Schuldzuweisungen, versteht sich.

So lange lügen wir? Stimmt, so ist es. Und wenn wir einmal mitbekommen, dass ein anderer wirklich lügt, dann reagieren wir meist so heftig darauf, weil wir instinktiv und unbewusst wissen, dass wir selbst es ja auch tun. Siehe der Artikel in Spiegel ONLINE! Nur wir wollen es eben nicht wahrhaben. Denn dann müssten wir damit anfangen, uns endlich einmal Gedanken über unsere Gesellschaft zu machen. Und zwar ganz grundsätzliche. Viele wollen ja eine andere, eine bessere Gesellschaft. Doch das bedeutet erst einmal, die Konvention zu verlassen. Und nicht nur so tun als ob. Aber es geht ja noch weiter. Wir sollten uns einmal ganz ernsthaft damit auseinander setzen, wie wir unser Leben überhaupt gestalten. Obwohl, müssten wir das nicht überhaupt tun?

Schließlich gestalten wir die Welt mit und durch unsere Gedanken. Gedanken, wohlgemerkt. Darüber reden oder etwas Konkretes tun müssen wir gar nicht, damit es eine Wirkung hat. Die Welt ist eben kein mechanisches Etwas. Oder haben Sie noch nie gespürt, wenn jemand etwas Negatives über Sie denkt? Wir machen solche Empfindungen ja meist an einem Gesichtsausdruck fest, doch viel eher nehmen wir den Gedanken wahr. Wir spüren es einfach, was der andere denkt. Und das müssen wir ordentlich verdrängen, sonst haben wir mit diesen Wahrnehmungen ein echtes Problem. Da ist dann Schluss mit Friede, Freude, Eierkuchen!

Aber, wenn ich so darüber nachdenke – letztlich doch ein Traum, und zwar ein möglicher, wenn wir offen miteinander umgingen!?! Oder nicht?

Fazit: Raus aus der Konvention! Unverzichtbar!

Man könnte auch sagen: „Mensch, werd endlich vernünftig und gebrauche deinen Verstand!