Warum sehen so viele Menschen nicht, was in der Welt wirklich passiert?

Oder interessiert es sie nicht? Kann das sein? Und wenn ja, warum? Vor allem: Was kann man dagegen tun?

Natürlich weiß ich, dass ich auch völlig daneben liegen kann mit meinen Annahmen. Aber einmal unterstellt, es wäre genau so: Viele Menschen sind ignorant, kennen etwas nicht, wollen aber auch nicht wissen, was es ist, oder sie handeln wider (eigentlich) besseres Wissen und missachten einfach, was Sache ist.

Ein Ignorant ist jemand, der sich nicht um Wissen, Erkenntnis und Wahrnehmung bemüht und daher (absichtlich) unwissend verbleibt. Ich gebrauche das Wort hier keinesfalls als Schimpfwort, vielmehr macht mich dieses Phänomen ratlos. Und ich suche nach Wegen, wie man dem begegnen könnte. Dabei ist mir mittlerweile klar, dass dies ein sehr verbreitetes und vielleicht vielfach auch nicht gesehenes oder völlig unterschätztes Phänomen ist. Oder vielleicht auch nur eine Auswirkung der spezifischen Denke?

Ich will daher ein Thema aufgreifen, das schlichtweg nicht geleugnet werden kann, weil es schon längst in wohl ziemlich jedem Haushalt zu finden ist – in Form technischer Umsetzung: Quantenphysik. Quantenphysik hat aber nicht nur eine technische, sondern auch eine philosophische bis hin zu einer religösen Seite, nämlich das damit einhergehende Verständnis von der Welt. Das hat ja schon Einstein verzweifelt nach einem Nachweis suchen lassen, dass die Quantentheorie auf falschen Annahmen beruht. Es ist ihm aber nicht gelungen, im Gegenteil, andere haben mittlerweile mehrfach nachgewiesen, dass es eben doch anders ist, als Einstein hoffte. Zu dem Thema möchte ich Natalie Knapp aus ihrem Buch ‚Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können‘ zitieren:

‚Im Augenblick ist die Welt der Physik jedoch immer noch gespalten. Es gibt mindestens drei Gruppen. Manche Physiker sind tatsächlich auf der Suche nach einem neuen Weltbild. Eine zweite Gruppe sucht nach einer Weltformel, die alle Probleme aus dem Weg räumt und unser Weltbild wenigstens in groben Zügen doch noch bestätigt. Die dritte und größte Gruppe kümmert sich überhaupt nicht um die philosophischen Probleme der Quantenphysik. Sie nutzt die Formeln der Quantentheorie, um neue technische Möglichkeiten zu entwickeln, und ignoriert dabei einfach, dass all diese Möglichkeiten auf der Grundlage ihres Weltbildes gar nicht existieren dürften.

Zwei Gruppen suchen also nach Lösungen, die dritte und größte Gruppe aber ignoriert das einfach? Wenn ich das einmal auf das alltägliche Leben übertrage, dann potenziert sich das ja regelrecht; denn wer hat schon eine Ahnung davon, dass er nur mit dem Handy telefonieren kann, weil die Satelliten dank quantenphysikalischer Erkenntnisse nicht vom Himmel fallen? Also besteht für Otto Normalverbraucher – erst einmal – überhaupt keine Notwendigkeit, sich mit dem Weltbild der Quantenphysiker zu beschäftigen. Wobei ich hier wirklich beschäftigen meine und nicht nur mystizistische Annahmen darauf zu gründen. Ist das aber sicher so?

Angenommen, die Gruppe eins hätte Recht. Dann würden ja auch unsere Annahmen über Wirklichkeit nicht stimmen, auch wenn wir das nicht wissen. Gruppe zwei hat übrigens scheinbar immer weniger Recht. Die aktuelle Forschung spricht eindeutig dafür, dass Gruppe eins wohl doch Recht hat. Und die Gruppe drei gibt ja im Grunde der Gruppe eins Recht. Sie ignoriert das Problem. Was es nicht besser macht. Fazit: Es scheint so zu sein, dass unser tradiertes Weltbild schlicht und einfach falsch ist. Ganz zu schweigen von dem berühmten ‚gesunden Menschenverstand‘, der meist immer nur dann bemüht wird, wenn jemandem von nichts eine Ahnung hat und ihm gerade die Argumente ausgehen.

Habe ich aber ein unzutreffendes Weltbild, dann stimmen ja die meisten meiner Annahmen nicht. Also jedenfalls die, die an die eigene Substanz gehen. Ein unstimmiges Weltbild bedingt ein unstimmiges Selbstbild. Und jetzt wird es knuffig. Wenige wissen, dass die Welt ganz anders tickt, als wir gemeinhin glauben. Versucht man das zu erklären, dann wäre es normal, also für mich, dem zuzuhören, es zu verifizieren und verstehen zu suchen. Warum aber schalten so viele, eigentlich fast alle, sofort auf Durchzug oder werden eher ablehnend bis hin zur latenten Aggressivität? Warum verteidigen sie sich so? Es ist, als ahnten sie, dass da etwas oder jemand ihr liebgewonnenes Weltbild bedroht. Das erinnert mich sehr an das, was ich über Selbstbilder gelernt habe. Wenn einer sagt, er sei hässlich, bloß nicht sagen, dass das nicht stimmt! Wahrheit kommt selbst da selten an! Eigentlich nie. Warum um Himmels Willen aber ist das so, dass man niemandem die Wahrheit sagen darf, will man ihn denn erreichen?

Ich glaube mittlerweile, fängt man mit einer Unehrlichkeit an, dass man da nur sehr selten wieder herauskommt. Vor allem dann nicht, wenn es sich um etwas sehr Grundsätzliches handelt. Die Physiker und späteren Quantenphysiker um die Jahrhundertwende hatten sich so ziemlich alle mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Im Gegensatz zu den meisten, die nach ihnen kamen. Die haben noch rechtzeitig die Schutzschilde hoch gezogen. War es die unerwartete Konfrontation, die Einstein, Schrödinger, Planck, Pauli, Bohm, Bohr, Heisenberg und wie sie alle hießen, kalt erwischte und nicht mehr aus den Fängen ließ? Braucht es wirklich das Scheitern eines Menschen, das das Hirn aufmacht für neue, grundlegende Erkenntnisse, wie Nagarjuna es einmal formuliert hatte?

Geht es wirklich nicht ohne? Interessant ist ja, dass sich Quantenphysiker und Buddhisten recht prächtig verstehen. Dabei geht es mir hier nicht um die Philosophie, sondern die Haltung der sogenannten Meister, die vor allem im Chan und im späteren Zen gang und gäbe war. Sie nahmen nur denjenigen als Schüler auf (wobei der Begriff irgendwie nicht passt, ich weiß aber keinen besseren), die es wirklich wollten. Sie liefen niemandem hinterher, wollten niemanden erreichen. Es war ihnen schnurz, was die anderen machten. Aber ich frage mich, ob wir, wären wir Meister des Chan oder des Zen, diese Gelassenheit heute auch noch an den Tag legen dürften, angesichts der Tatsache, dass genau diese Technik (ich bin jetzt wieder bei der Physik), die quantenbasierte Technik, die mittlerweile einen erheblichen Anteil an der Erwirtschaftung unseres Bruttosozialprodukts hat, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint? Wandelt sich da eine solche Haltung nicht gerade von der ursprünglichen Gelassenheit hin zur Ignoranz?

Was mir auffällt ist eine interessante und vielleicht auch bedeutsame Parallele zu dem üblichen, konventionellen Verhalten der Menschen. Dieses Thema brennt mir auf den Fingernägeln, seit ich das Buch ‚Muscheln in meiner Hand‘ von Anne Morrow Lindbergh gelesen habe. Geschrieben hat sie das Buch 1955. Fast so alt wie ich selbst. Warum aber verlassen die Menschen nicht endlich diese Heile-Welt-Illusion, eine Welt, die von guten Manieren zusammengehalten wird statt von Ehrlichkeit, Offenheit und Wahrhaftigkeit? Und warum habe ich selbst so lange gebraucht, um aus diesem konventionellen Alltag auszusteigen? Und warum weigern sich manche regelrecht zu sehen, was sie da tun?

Das sind die Fragen, die ich mir gerade stelle. Und ich habe immer weniger eine Antwort. Vielleicht wissen Sie eine?! Ich kapiere es einfach nicht.

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