Warum sprechen wir lieber von Konzernen als von Menschen?

Weil es so leichter ist, unseren Unmut auszudrücken, da die Konvention nicht verletzt wird.

Auf diese Weise machen wir aus oft sehr komplexen Zusammenhängen einfach strukturierte. Nehmen Sie als Beispiel einmal den sogenannten VW Dieselskandal. Viele reden darüber. Was für ein Skandal! Für mich ist das einfach nur Betrug. Warum aber wird nur über den „Skandal“ geredet?

Einen Skandal kann ich rechtlich nicht anpacken, einen Betrug aber schon. Und in dem Moment rede ich nicht mehr nur über irgendwelche Bosse, sondern ich frage ganz simpel, wer das bitte programmiert hat. Und wahrscheinlich würde das Ganze sehr schnell wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, wenn man ganz unten eine Karte herauszieht.

Und diese Frage wurde für mein Empfinden noch nicht ausreichend untersucht. Ist auch verständlich, wer will schon einen Programmierer dafür „hinhängen“, was sich seine Bosse ausgedacht haben. Niemand will das, ich auch nicht. Also lassen wir das.

Aber man kann etwas anderes tun. Man kann sich klar machen, wie das „funktioniert“ hat und daraus die notwendigen Konsequenzen ziehen. Die Verantwortlichen des VW-Managements haben die Software sicher nicht selbst programmiert. Sondern Menschen unten in der Hierarchie. Und dazwischen wohl eine Menge Leute, die die Order nach „unten“ weitergegeben haben.

Wer auch immer das angeordnet hat, fest steht, dass es ohne die „Umsetzer“ überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Doch warum tun Menschen Dinge, die sie doch wohl als falsch erkennen müssten? Das ist doch die entscheidende Frage! Warum sagen die nicht einfach nein, das mache ich nicht?

Weil es dann eben ein anderer macht und der Job weg sein könnte? Wir sind hier mit einem Dilemma konfrontiert, das wir aus der Spieltheorie kennen, nämlich das Gefangenendilemma. Es gibt also ganz klar eine Lösung. Doch dazu müssten alle am gleichen Strang ziehen. Und da das nicht so einfach zu realisieren ist, müssten wir darüber reden. Ganz ernsthaft.

Und genau das machen wir nicht, vielleicht, weil wir die Spielregeln der Konvention nicht verletzen wollen. Also reden wir lieber über den „Skandal“ und „die Bosse“. Natürlich ist das ein Skandal. Und natürlich haben da Führungskräfte Dreck am Stecken, wie man so schön sagt.

Aber löst das das Problem? Ich befürchte nämlich, dass sich so nichts wirklich ändern wird, jedenfalls solange nicht, solange wir nicht über die Ursachen und die Konsequenzen reden. Stellen Sie sich einmal vor, jeder würde sich an die Regeln des Rechts wie an seine eigenen (!) Regeln von Sitte und Moral halten. 

Genau. Die „Bosse“ hätten keine Macht mehr. Nur mal zur Erinnerung:

Mann der Arbeit, aufgewacht!

Und erkenne deine Macht!

Alle Räder stehen still.

Wenn dein starker Arm es will.

Irgendwann war damals der Zeitpunkt gekommen, wo Zuviel einfach Zuviel war. Und die Menschen sagten ganz klar nein, so nicht mehr. Und es wäre wieder einmal an der Zeit, nein zu sagen. Und genau das ist gerade die Schwierigkeit. Es fehlt noch die Gemeinsamkeit, das gemeinsame Interesse.

Aber darüber zu schreiben, was das denn wäre, das ist letztlich müßig, nur ein Sturm im Wasserglas, solange wir nicht ernsthaft miteinander reden.