Was kann ich wissen?

Und was will ich überhaupt wissen?

Wir Menschen, jedenfalls die meisten von uns, denken ja immer, wir lebten in der Welt und das, was wir erleben, sei die Welt. Ist sie aber nicht, sondern nur der Blick auf sie aus unserer menschlichen Perspektive.

Was ich erlebe, hat wiederum sehr viel mit Sprache zu tun, einer Fähigkeit des Menschen, die Tiere wohl in dieser Form nicht haben. Auch Tiere und Pflanzen können miteinander kommunizieren, aber wohl nicht sprechen. Durch Sprache haben wir unseren Wahrnehmungshorizont erweitert, wir können über Dinge sprechen, ohne sie selbst unmittelbar erfahren zu haben.

Aber dank unserer Vorstellungskraft können wir Dinge, über die wir erst einmal ‚nur‘ sprechen, letztlich auch selbst erleben, indem wir sie verifizieren – was leider ganz oft übersehen wird. Wird solches ‚Wissen‘ nicht verifiziert, bleibt es ohne Wirkung, es ‚macht‘ nichts mit uns, denn es bewirkt keine neuronalen Vernetzungen im Gehirn.

Wir können über sehr, sehr viel reden, aber das heißt noch lange nicht, dass wir es auch wirklich wissen würden. Zum Wissen gehört unabdingbar das Verinnerlichen durch das Verifizieren.

Und das bringt mich direkt zu der interessanten Frage, ob ich überhaupt wissen will, was ich wissen könnte? Also mal angenommen, ich könnte alle Informationen haben, die ich haben will. Nur um etwas wissen zu wollen muß ich ja erst einmal in diese Richtung denken.

Einstein ist ja nicht auf seine Relativitätstheorie gekommen, weil er sich Gedanken über die Synchronisierung von örtlichen Uhren gemacht hat, sondern weil er die Haltung hatte, etwas wissen zu wollen, was er noch nicht wusste, was ihn wiederum erkennen lies, dass die Synchronisation von Uhren ein Thema ist.

Er wollte dabei eines sicher nicht: Andere bekehren und belehren. So wenig wie Heisenberg. Oder Schrödinger. Aber was wollten sie? Welche Haltung haben Menschen, denen es definitiv nicht darum geht, Wissen für sich oder eine Gruppe ‚haben‘ zu wollen, um es für sich nutzen zu können, sondern die einfach mehr wissen wollen, als sie eben wissen?

Waren es vielleicht ‚Borderliner‘, Menschen, die über die Grenzen des Normalen und Gewöhnlichen hinausgehen wollen? Warum kam etwa Nikolaus Gerdes auf die Erkenntnis, die er in seinem Text ‚Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn‘ beschreibt? Klar, er kam darauf, weil er beobachtete, genau hinschaute. Doch welche Haltung hatte er, dass er etwas tat, was anderen nicht einmal in den Sinn kommt?

Was muss ich also denken, um mehr wissen zu wollen, um über meinen aktuellen Zustand hinauszukommen, um über die Grenzen des Normalen und Alltäglichen hinausgehen zu können? Es ist ja ein implizites Wissen, das dem, der es hat, wohl kaum bewusst ist. Aber man kann es bewusst und damit nutzbar machen, um es dann an Andere weitergeben und vermitteln zu können.

Spannende Frage, oder nicht? Wenn ich etwas über Bruce Lee nachlese, der über seine körperlichen Grenzen hinausging, sie einfach nicht akzeptierte, dann finde ich Einiges zu seiner Philosophie, aber nichts zu der Haltung, die ihn dazu brachte, genau diese Gedanken zu entwickeln. Was also war seine Motivation, seine innerste Haltung?

Die eigentliche Frage, die mich interessiert, ist also weniger, was ich tun müsste, um etwas zu erreichen, sondern was mich motiviert zu tun, was ich tue. Nur wenn mir dies klar wird, kann ich mich selbst in diesem Sinn ‚überwinden‘ und wie Menschen wie Bruce Lee, Albert Einstein, Jiddu Krishnamurti und wie sie alle heißen etwas erkennen, was ich sonst nicht erkennen könnte.

Was ist oder war ihre Motivation, sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was ‚normal‘ ist? Was lies sie über Grenzen hinausgehen? Oder anders gefragt, welche Haltung befähigte sie, sich mit Dingen zu beschäftigen, die über das Übliche hinaus gingen? Was macht den Unterschied in der Haltung?

Eine Frage, die einen erst einmal auffordert sich darüber klar zu werden, was man tut und was man will. Ich denke, dass hier eine Grenze liegt, mit der sich viele regelrecht einmauern. In der Philosophie der Kampfkünste wie in entsprechenden Persönlichkeits- und Managementansätzen kennt man die scheinbare ‚Lösung‘.  Die Kata. Aber es beantwortet nicht die Frage, warum sich jemand eine Kata gibt, warum sie oder er immer wieder eine festgelegte Form von Übungen macht, um darin richtig gut zu werden. 

In dem Film ‚Der letzte Samurai‘ kann man sehen, wie das Üben der Kata einen Menschen innerlich und äußerlich, also in seinen Fähigkeiten, verändert. Nur dass Der Protagonist Nathan Algren nicht von sich aus dazu kam, sondern ihn erst einmal widrige Umstände dazu ‚brachten‘. Erinnert mich immer an die Bemerkung von Nagarjuna, dass nur der bereit sei, sich wirklich einzulassen, der gescheitert sei – übrigens der selbe Gedanke, der auch in dem Titel des Textes von Nikolaus Gerdes enthalten ist.

Wer sich im und mit dem ‚Normalen‘ arrangiert hat, der muss damit wohl erst einmal scheitern. Da hatte es Einstein schon leichter, der war nie wirklich ‚normal‘. Oder war Nelson Mandela ‚normal‘? Oder Martin Luther King? Ich denke, die waren alles, nur das nicht – normal.

Und genau damit fängt es vielleicht an. Sich aus dem ‚Normalen‘ zu lösen. Eigene Wege zu gehen. Die Konvention endgültig hinter sich zu lassen, wenn man drinsteckt. Es klingt zwar leider abgedroschen im Sinne von missbraucht, aber ich denke, man muss sich berufen fühlen und wissen. Genau das, was Konvention in uns zum Schweigen bringt.

Ein erster Schritt in die eigene Freiheit. Doch erst, wenn man diesen Schritt wirklich gemacht hat, kann man sich weitere Gedanken darüber machen, was man wissen will. Das ist wohl in den Kampfkünsten (ich bin keiner, lese nur darüber) wie im normalen Lebens so. Erst wenn man bereit ist, sich wirklich aus der Konvention zu verabschieden, wenn man diesen Entschluss ohne Hintertürchen getroffen hat, dann öffnet sich die Tür zu einem selbst. Und dann weiß man immer besser, was man wissen will.

Die Menschen, die ich hier in diesem Text erwähnt habe, waren nämlich eins sicher nicht: konventionell. Wie sagte doch Hermann Hesse?

Wer nicht in die Welt zu passen scheint,
ist immer nahe dran, sich selbst zu finden. 

Man kann diesen Satz auch umdrehen, sozusagen zum Selbsttest.