Was kommt zuerst?

Nicht unbedingt die Visionen!

Kürzlich kam ich auf einen sehr interessanten Gedanken, der mich gerade beschäftigt. Es geht um „Visionen“ einerseits und „Kata“ andererseits.

Eine Kata kennt man nicht nur aus der Kampfkunst, sondern auch aus der Unternehmensberatung unter dem Stichwort „Veränderungskata“. Aber eine Kata hat darüberhinaus für jeden von uns eine Bedeutung, nur ist sie uns selbst meist überhaupt nicht bewusst. Die Art, wie ich mich bewege, entspricht meiner ganz persönlichen Bewegungskata. Mache ich eine Feldenkrais-Übung, erfahre ich, wie ich mich körperlich besser „organisieren“ kann. So ist es auch etwa im Aikido, es gibt grundlegende Prinzipien, von denen ausgegangen wird. Und die übt man mit der Kata ein.

In dem Moment, in dem ich mir meine Kata wirklich bewusst mache, in meinem Denken, in meinen Bewegungen und in meinem Handeln, kann ich sie auch in den idealen Zustand „heben“, wo sie ja auch hingehört. Wobei das bei Bewegungen und Handlungen relativ leicht geht, nicht aber beim Denken. Unser „Denken“ suchen wir nämlich, koste es was es wolle, zu verbergen. „Schützen“ können wir es ja tatsächlich nicht, denn niemand kommt ja an unser Denken überhaupt heran, auch wenn sich die Wenigsten dessen bewusst sind.

Aber unser Denken genau zu untersuchen würde ja öffentlich machen, was und wie wir wirklich denken, was uns selbst aber absolut nicht bewusst ist und worüber wir auch nicht ansatzweise die Kontrolle haben könnten. Irgendwie fatal. Und „dank“ dieser Hilflosigkeit dem eigenen Denken gegenüber werden wir erst einmal regelrecht panisch. Denn wer sollte besser als unser Gehirn selbst wissen, dass wir keine direkte Kontrolle darüber haben? Und niemand weiß besser als es selbst, was „es“ partout nicht öffentlich machen will. Blöd ist es ja nicht. Nur leider sehr schweigsam, es spricht nämlich sehr wenig, was ja gleichbedeutend damit es, was es uns bewusst werden lässt.

Eine gute Denk-Kata kannten übrigens die Alten Griechen, nämlich zu wissen beziehungsweise sich bewusst zu sein, was man nicht weiß. Und auch die alten Chan-Menschen hatten genau diese Denk-Kata mit ihrer Praxis im Sinn. Aber eben keine Visionen, sondern „nur“ die Grundlagen. Und auch Einstein hatte keine Vision im Sinn, als er die Relativitätstheorie erkannte. Nein, die hatte er nicht. Nur eine grenzenlose Neugier.

Er verschwendete keinen Gedanken an eine bessere Welt, sondern er untersuchte, was Materie, er wollte nur das verstehen, was ist. Das mit der besseren Welt, darüber dachte er erst nach, als er begriffen hatte, dass die meisten Menschen einem Denkfehler erliegen und welche fatalen Folgen das für die Nutzung seiner Erkenntnisse hatte. Quantenphysikalische Erkenntnisse plus Denkfehler ergibt letztlich die Atombombe. Und an dem Punkt stehen wir noch heute.

Und was kann eine Vision wert sein, wenn die Grundlagen unstimmig sind? Die Menschen konnten erst dann die Vision haben, auf den Mond zu fliegen, als die Grundlagen dafür geschaffen waren, nämlich in der Erkenntnis quantenphysikalischer Zusammenhänge. Die alten Griechen hatten die schlichte Kata „Erkenne dich selbst“; die Chan-Menschen untersuchten, was ist; Einstein und seine Kollegen untersuchten die Materie.

Bevor man also eine Vision hat oder darüber nachdenkt, sollte man sich genau überlegen, ob man sicher sein kann, keinem Denkfehler aufzusitzen. Ich denke, das wäre ein guter Zug. Und so wie viele „westliche“ Unternehmen an Kanban scheiterten, da sie sich ihrer eigenen internalen Denkstrukturen nicht bewusst waren, werden auch viele mit ihrer spirituellen Praxis scheitern, einfach deshalb, weil sie sich der eigenen Denkstrukturen nicht bewusst sind.