Welt- und Selbstverständnis

Alles eine Frage der Kultur.

Gerade ist ja das Thema ‚Kultur‘ in aller Munde, von ‚Leitkultur‘ ist die Rede. Was an und für sich schon ein Witz ist, denn eine Kultur kann nicht ‚leiten‘, denn die habe ich, so oder so. Kultur ist immer nur eine Folge, nie ein Motor.

Wir leben, davon gehen wir im normal Fall aus, in einer realen Welt. Was aber nicht wirklich stimmt, denn alleine dadurch, dass ich die Welt betrachte und beobachte, ‚manipuliere‘ ich sie. Verdammt schwer vorstellbar, aber so ist es.

Normalerweise würde man sagen, wir lassen die Informationen der realen Welt erst durch unseren Wahrnehmungsfilter, dann durch unseren Verständnisfilter, dann treffen wir eine Entscheidung und dann tun wir, was wir eben tun.

Nur ganz so ist es nicht. Meine Wahrnehmungsfähigkeit ist definiert durch mein Weltbild, mein Verständnis vom Leben. Ich kann eine Welt des Geistes oder eine Welt der Materie als Grundlage des Lebens ansehen. Also muss ich erst einmal klären, unterhalte ich mich über eine Information, ob ich einem geistigen oder einem materiellen Weltbild das Wort rede. Denn das definiert letztlich die Muster, anhand derer ich die Information interpretiere und damit definiere – und nicht etwa entschlüssele.

Aber es wird noch ein bisschen komplexer, denn ich ‚sehe‘ ja genau das, was ich sehen will. Die Information, die ich vermeintlich ‚sehe‘, gestalte ich schon im Prozess meiner Wahrnehmung. Nicht nur, welche Farbe etwas hat, sondern erst recht, wenn ich etwas ‚schön‘ oder ‚angenehm‘ finde. 

Albert Einstein hat das mit den Worten formuliert, dass, je mehr eine Kultur begreift, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher ist ihr wissenschaftliches Niveau, wobei ich wissenschaftlich hier übersetzen würde mit ‚sehen, was wirklich ist‘. Also begebe ich mich schon auf das Glatteis, spreche ich über eine ‚Information‘.

Was wir erkennen, ist keine Eigenschaft des Objekts, sondern wird durch unser eigenes Denken geformt. Dass das so ist, ist offensichtlich. Man hat bei Blinden durch entsprechende medizinische Eingriffe die ‚Sehfähigkeit‘ wieder hergestellt – doch sie konnten deswegen nicht sehen. Sehen ist wie jede Wahrnehmung in erster Linie ein geistig-Intellektueller und kein mechanisch-biologischer Prozess.

Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. Also ist es auch ein Ergebnis meiner eigenen Kultur, was ich zu sehen glaube. Was unmittelbar eine Frage aufwirft, nämlich die Frage danach, was man jetzt damit macht.

Ganz einfach, man organisiert sich entsprechend. Nicht anders, sondern eben korrekt. Die Welt ist nämlich nicht, was ich glaube, wie sie wäre, sondern was sie ist. Und dem gilt es gerecht zu werden, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich dieses Rätsel wohl nie werde entschlüsseln können.

Da bleibt immer noch viel Raum für eine gehörige Portion Faszination und Staunen.