Wie komme ich zu einem wahrhaftigen Leben?

Man muss erst sehen was falsch läuft, um das Richtige tun zu können.

Gestern hatte ich mich mal wieder über mich geärgert, weil ich wieder mehr gegessen hatte, als mir gut tut. Die Hälfte hätte auch genügt und hätte auch nicht weniger gut geschmeckt. Das war etwa so, als hätte ich drei absolut identische Autos und wollte mit allen dreien gleichzeitig fahren. Mit den Autos geht das nicht, bei dem Essen leider schon.

Als ich, mittlerweile wieder ein wenig besänftigt, darüber nachsann, wurde mir bewusst, dass wir eigentlich ständig zwischen solchen Positionen leben. Aber es sind keine Pole, zwischen denen wir uns einpendeln müssten; sondern es gibt die angemessene und in diesem Sinn richtige Position und dann die in diesem Sinn falsche. Zwar mit graduellen Unterschieden, aber eben falsch.

Was die Frage aufkommen lässt, wieviel ‚falsch‘ eigentlich noch tolerierbar ist. Eben, gar keins. Falsch ist und bleibt falsch. Aber sagte nicht schon Adorno, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt? Nur wer sagt mir dann, was angemessen beziehungsweise richtig ist? Genau, das ist das Problem. Keiner. Das fordert permanente Bewusstheit von uns.

Vielleicht ignorieren wir diese Sünden und die ihnen zugrundeliegenden Wurzelsünden derart konsequent und beharrlich, weil wir sie Todsünden nennen, aber nicht an ihnen sterben. Und so haben wir eine elegante sprachliche Verwirrung eingebracht, die uns hilft darüber hinweg zu sehen, was wir da eigentlich tun.

Wenn wir aber einmal wirklich hinschauen, wird den meisten von uns wahrscheinlich regelrecht schwarz vor Augen. Aber ich will hier nichts über Wurzelsünden und ihre verschiedenen Spielarten schreiben, die kann man nachlesen. Sondern ich will über Reduktion und Einfachheit schreiben, genauer, was uns daran hindert.

Ich habe mich kürzlich mit einer Präsentation beschäftigt und dabei wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass Weniger definitiv mehr ist. Doch bevor sich jemand mit den Gedanken von Garr Reynolds und seinen wirklich tollen Büchern wie der Frage beschäftigt, nicht nur, wie man das umsetzen kann, sondern welche grundsätzlichen Erfahrungen man daraus für das eigene Leben ableiten kann, davor gilt es eine Hürde zu nehmen.

Ich bin ja der Überzeugung, dass wir etwas nur dann lassen, selbst wenn es noch so destruktiv ist, wenn wir ganz genau wissen, was wir stattdessen tun. Wir machen uns nicht auf den Weg, so lange wir kein Ziel sehen, zu dem es uns führt. Aber manchmal ist das angestrebte ‚Ziel‘ nicht das Ziel, um das es gehen sollte, einfach deshalb, weil man etwas Wesentliches noch nicht erkannt hat. Oder nicht erkennen will.

Für viele Zen-Praktizierende ist das Verstehen von Unterweisungen wie das Üben einer Kata reichlich frustrierend. Gründe dafür gibt es viele, der eigentliche Grund aber liegt wohl daran, dass sie, auch in einer Kata, immer nur die äußere Form sehen und nicht das Eigentliche, das es zu erreichen gilt. Darum sage ich auch immer: Zen, das bist du selbst. Wir, jeder einzelne von uns, ist sein eigenes Ziel. Sein, der ich bin. Und nichts anderes.

Das erfordert zum einen Mut. Und manchmal sehr, sehr viel Mut, wenn einem die Meinungen der anderen nur so um die Ohren fliegen. Zu sich selbst zu stehen verlangt schon eine gehörige Portion Stehvermögen und Standhaftigkeit. Und es verlangt wohl auch Mut, sich selbst so zu sehen, wie man wirklich ist. Dem Tod des Ego ins Auge zu schauen, das verlangt definitiv ein wirklich gutes Standing. Man muss es aushalten können sich zu sehen, wie man eben so ist. Nicht immer spaßig.

Und genau dieser fehlende Mut bedingt, dass man Reduktion und Einfachheit auf Verzicht und Kargheit reduziert. Statt dass man die darin zum Ausdruck kommenden, faszinierenden Chancen sieht! Das bedeutet, dass die Feigheit und die damit einhergehende Ignoranz, übrigens auch eines der Hauptlaster, verhindern zu sehen, was uns eigentlich möglich wäre!

Es ist also die Kata, das ultimative Lebensziel, das uns befähigen kann, dem Tod des Ego ins Auge zu schauen um unsere Chancen zu ergreifen. Nur sind wir bereit, weit genug zu denken und weit genug zu schauen? Sind wir mutig genug?

Es ist der fehlende Mut, der uns im Falschen stecken bleiben lässt. Es geht also nicht darum, das Richtige zu erkennen, denn das ist, jedenfalls meistens, absolut offensichtlich. Es liegt einfach am fehlenden Mut, der Angst, dem unverstellten Blick auf sich selbst zu begegnen.

Eines muss uns also klar sein: Es braucht Mut, um die Angst zu überwinden, die uns das Richtige nicht sehen lässt. Und solange tun wir auch nichts. Bis wir uns endlich ein Herz fassen und bereit sind uns einzugestehen, wie wir wirklich sind. Und genau darum geht es bei der Selbsterkenntnis: Zu sehen, wie man wirklich ist. Und nicht, wie man gerne wäre.

Das öffnet uns definitiv die Augen. Der Rest ist erstaunlich einfach.