Wie lernt man, nicht mehr nur ‚mechanisch‘ zu denken?

Am schnellsten und einfachsten im Dialog.

Aber der ist nicht so ganz einfach. Denn der fordert uns auf, das gewohnte mechanisch strukturierte Denken wirklich sein zu lassen und phänomenologisch zu denken. Die Basis und der Ausgangspunkt phänomenologischen Denkens ist die Beziehung und nicht ein wie auch immer geartetes Wissen. Wer also mehr oder weniger nur Wissen ‚abgreifen‘ möchte, der wird gar nichts bekommen, außer einen dicken Hals.

Warum aber überhaupt einen Dialog? Kann man das nicht auch selbst aus Büchern lernen? Kann man. Aber das ist der wesentlich schwierigere Weg. Nagarjuna hat einmal gesagt, dass nur der Zen praktizieren würde, der gescheitert sei. Und Zen ist eben auch eine andere Art zu denken. Zen ‚denkt‘ phänomenologisch und nicht mechanisch. In meiner früheren Berufswelt war es absolut richtig, mechanisch zu denken. Wenn, dann, oder, und. Fing ein Text mit einem dieser Wörtern an, war man ziemlich sicher auf der Gewinnerstraße, solange man keinen logischen Fehler einbaute.

Doch was viele übersehen, vor allen Dingen die, die vor Gericht Gerechtigkeit suchen, ist die Tatsache, dass ja jede Logik von einer ganz klar definierten (doch selten bewussten) Annahme ausgeht. Die steht für Juristen im Gesetz. Und führt manchmal zu sehr eigenwilligen Ergebnissen. Darum unterscheidet man auch zwischen Recht und Gerechtigkeit. Was Recht ist muss den Parteien und der Sache nicht zwingend gerecht werden. Wird es eigentlich nie, sonst bräuchte man ja eigentlich gar keine Gerichte. Gerichte braucht es nur da, wo die Gerechtigkeit verloren gegangen ist und es eine andere Lösung der Befriedung braucht.

Ein sehr gutes Beispiel für mechanisches und phänomenologisches Denken. Denn die Beziehung der Parteien spielt bei der Frage der rechtlichen Entscheidung eines Sachverhalts keine Rolle. Jemand bekommt Ehegattenunterhalt oder Rentenansprüche übertragen, auch wenn er den anderen ständig betrogen hat. Es spielt keine Rolle mehr, ob ein Partner den anderen ‚böswillig verlassen‘, ihm ‚seelische Grausamkeiten‘ zugefügt oder sich ‚ehrlos und unsittlich‘ verhalten hat. Und das ist auch gut so. Denn man soll keinem Menschen zumuten, über einen anderen zu richten, noch weniger zwischen zweien zu entscheiden und den Stab zu brechen.

Also macht man Mediation. Das ist im Grunde phänomenologisches Denken. Und ‚funktioniert‘ in unserem Kulturkreis leider nur sehr selten. Weil die meisten Menschen eben mechanisch denken und mit der phänomenologischen Denke nichts anfangen können. Sie können es einfach nicht denken. Ergo existiert es für sie auch nicht. Wenn ich kein Ufo denken kann, werde ich auch keines sehen. Nur wenn ich das wirklich denken kann, kann ich es auch sehen, sollte eines vorbeikommen.

Was ich nicht denken kann, kann ich eben auch nicht sehen, es existiert einfach nicht für mich. Das zu akzeptieren ist vielleicht der entscheidende Schlüssel, will man anders denken. Und was ist das anderes, als zu scheitern? Genau das meint nämlich Nagarjuna, jedenfalls verstehe ich es so. Aber dieses ‚Scheitern‘ setz voraus, dass man erkennt und auch akzeptiert, dass man etwas nicht kann. Heißt, dass man einsieht, dass man ‚so‘, also mit mechanischem Denken allein, eben nicht weiter kommt. Das bedeutet zwar nicht neu die Schulbank zu drücken, aber zu üben.

Dafür braucht es den Dialog. Ein (wirklicher) Dialog beginnt damit, dass man die Welt der Konvention verlässt und die eigene Meinung einfach einmal draußen lässt. Dass das nicht einfach ist und eine Menge Konflikte in einem hervorrufen kann ist ausgesprochen hilfreich, so eine Art Großreinemachen im Oberstübchen. Eine bittere Medizin. Hilfreich, aber bitter.

Denn wie kann eine geistige Auseinandersetzung einen Konflikt auslösen? Angenommen, jemand ist der Meinung ich sei ein Depp. Dann kann ich mich darüber aufregen oder aber ich kann ihn fragen, wieso er das denn meint. Wozu aber mich aufregen? Da kann man etwas bei Epiktet lernen. Man sollte sich sehr genau überlegen, worüber man sich aufregt. Denn diese Konflikte sind nur in einem selbst. Regt man sich doch einmal auf, dann ist es eine gute Gelegenheit zur Selbstreflexion. Aber bitte nicht einfach weitergehen, denn dann geht man meist darüber hinweg. Sich nicht aufzuregen ist etwas ganz anderes als einfach nur nichts zu sagen und die Klappe zu halten. Man muss schon ehrlich zu sich selber sein.

Hat man den Konfliktraum hinter sich gebracht, wenigstens meistens, dann hört man sich an, was der andere zu sagen hat, reflektiert das, indem man sich darauf konzentriert, darüber kontempliert und meditiert, und, kommt man zu einem akzeptierenden oder für mögliche gehalten Ergebnis, dann kann man das im eigenen Leben verifizieren. So bewegt man sich in den Sinn-Raum, den Raum, wo man letztlich hin will. Diesen Weg nennt man auch kurz und bündig ‚sich einlassen‘. Und zu alledem braucht man, jedenfalls meistens, den Dialog. Denn nur durch das reflexive Gespräch mit anderen kann ich eine Erfahrung machen.

Gut, es braucht nicht immer das Gespräch, aber es braucht das Außen, das mir zu einer Erfahrung verhilft. Aber dabei muss man sehr vorsichtig sein, dass man nicht auf das eigene Gehirn hereinfällt. Wie heißt es doch so schön? Macht es das Gehirn glücklich, dann tue man bitte das Gegenteil. Darin steckt der Unterscheid zwischen Haben und Sein, wie ihn Erich Fromm beschrieben hat. ‚Macht‘ es das Gehirn glücklich, dann sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ‚ist‘ das Gehirn hingegen einfach nur glücklich, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dann ist das schon besser. Vorausgesetzt, dieses Gefühl ist wirklich authentisch, ein primäres oder ein Meta-Gefühl. Was übrigens die wenigsten Gefühle sind, zumindest nicht zu Anfang.

Also fragen Sie sich, ob Sie bereit sind, Ihre bisherige Denkweise als unzulänglich anzuerkennen. Heißt ob Sie bereit sind, ein Scheitern zu akzeptieren. Ihr Scheitern. Und fragen Sie sich, ob Sie bereit sind, einmal nicht Ihrem Gehirn zu folgen. Also ob Sie bereit sind, sich nicht behaupten und verteidigen zu wollen. Und ob Sie bereit sind, nicht zu diskutieren. Dann fahren Sie zu Ikea, kaufen einen schönen Schrank und bauen ihn genau nach Anleitung zusammen. Merken Sie sich genau, wie Sie dabei vorgehen. Und dann machen Sie sich bewusst, dass phänomenologisches Denken einen 180 Grad entgegengesetzten Fokus hat. Es orientiert sich allein an dem Prozess und der Beziehung. Und nicht an dem, was dabei herauskommen soll. Lassen Sie einfach geschehen, was geschieht. Lassen Sie es zu, keine Kontrolle ausüben oder haben zu wollen.

Wenn Sie das wirklich können, dann können Sie auch wieder mechanisch denken, etwa, wenn Sie einen Schrank aufbauen. Aber jeder Prozess, bei dem irgendwie ein Mensch drinsteckt, den können Sie auf diese Weise nicht handhaben. Sie bekommen ihn nämlich nie in den Griff. Die Kunst ist zu wissen, in welchem Feld man sich gerade befindet. Ich bin zuhause für das Kochen zuständig. Wenn ich aber so richtig schlechte Laune habe, was leider noch vorkommt, oder einfach keine Lust habe, dann koche ich nicht. Denn dann wird es nichts Gescheites. Da hilft mir auch kein Kochbuch oder das Wissen über das Kochen weiter. Die notwendige Haltung fehlt. Die Übergänge sind fließend und geschehen öfter und schneller, als man denkt. Und vergessen Sie nicht, die phänomenale Welt ist mit unserer mechanisch gedachten Welt nicht immer so einfach kompatibel. Also zu denken, ansonsten ist sie das problemlos. Seien Sie also bereit, scheinbar undenkbare Möglichkeiten für durchaus denkbar zu halten.

Dass es für uns undenkbar zu sein scheint heißt eben nicht, dass es das auch wäre. Wobei man auch einmal klären muss, was zu denken überhaupt bedeutet. Wichtig ist zu wissen, wo es um Wissen und wo es um Haltung geht. Bei meinem Lieblingsbeispiel Motorradfahren kann man das perfekt sehen. Das Teil, also das Motorrad, funktioniert perfekt und immer gleich. Mechanisch eben. Aber ich nicht. Ich funktioniere phänomenologisch. Geht es also um mein Motorrad, dann ist das ein mechanisches Thema. Etwa, wieviel Schräglage in einer Kurve geht. Aber ich sitze ja drauf. Also geht es auch um meine (geistige) Haltung.

Die entscheidet nämlich darüber, mit welcher Schräglage ich durch die Kurve fahren kann, solange ich mich innerhalb des Möglichen befinde. Ein mechanisches Problem (wieviel Gripp haben die Reifen?) und ein phänomenologisches Problem (wieviel Angst habe ich vor der Schräglage?). Das eine ist Fakt, darüber kann man nicht streiten. Über das andere kann man zwar auch nicht streiten, aber es ist kein Fakt, sondern von vielen Faktoren abhängig. Eben phänomenal. Und die wenigsten Faktoren sind mir überhaupt bewusst. Und die, die mir bewusst sind, kann ich trotzdem nicht händeln. Absolut keine Kontrolle darüber. Aber ich kann es üben. Ich muss die Prinzipien  kennen, aber ich darf nicht glauben, dass ich das Spiel beherrschen könnte. Aber ich kann es spielen!

Apropos Spiel. Ich habe kürzlich schon einmal darüber geschrieben. Es gibt einen PC, der GO besser spielt als jeder Mensch. Aber dieser PC wurde nicht programmiert, sondern nur die Regeln wurden ihm beigebracht. Der Rest ist reine Intuition. Selbstorganisation. So wie mein Enkel Paul gerade laufen lernt. Nur schneller. Wie das ein PC hinbekommt, weiß ich nicht, aber es geht. Was er nicht kann, ist die Frage nach Sinn zu stellen. Aber Paul tut das definitiv mit seinem einen Jahr. Er spricht zwar nicht drüber, aber man sieht es ihm an. Die Frage nach Sinn toppt nämlich Selbstorganisation.

Und das macht den Menschen aus: Die Fähigkeit, die Frage nach Sinn (und nicht sich die Frage nach dem Sinn) zu stellen. Den letzten Satz habe ich einfach so geschrieben. Er ist mir erst hinterher so richtig bewusst geworden. Und ich frage mich, warum ich die Worte genau so gewählt habe, wie ich sie gewählt habe. Aber so langsam dämmert mir der Unterschied. Und genau dafür brauchen wir diese Art des Denkens. Und wir sollten das nicht irgendwelchen Denkern oder Philosophen überlassen und sie dafür anhimmeln.

Sondern einfach selber denken. Nicht lernen, sondern üben. Und dazu brauchen wir Wissen und Haltung. Keine militärische Haltung, sondern die eines Affen, der mit Tigern fangen spielt. Ein todernstes Spiel. Habe ich kürzlich auf YouTube gesehen. Eine Haltung, die sich ihrer selbst sicher ist. Und damit fängt es an, den nur die oder der, die sich ihrer selbst sicher und nicht nur selbstsicher sind, können dieses Spiel spielen. Ohne diese innere Sicherheit aber taugt Wissen zu nichts. Es geht also um eine klare innere Haltung. Damit fängt es an und damit hört es auch auf. Obwohl, aufhören tut es eigentlich nie.

Ein Leben fast ohne Gebrauchsanleitung. Dazu schreibe ich noch was.