Will ich das überhaupt wissen?

Warum wir (vielleicht) die Wahrheit gar nicht wissen wollen.

Als ich mich intensiv mit der Geschichte meiner Familie beschäftigte und damit jedem auf die Nerven ging, der nicht schnell genug weg war, da sagte mein Bruder doch einmal tatsächlich zu mir: ‚Und wenn du recht hast, ich will es nicht wissen.‘

Wenn das nur mein Bruder gesagt hätte, würde mich das ja nicht so beschäftigen, aber der Satz ‚das will ich nicht wissen‘ ist mir mittlerweile oft untergekommen – und zwar meist dann, wenn es um die eigene Person ging! Also nicht meine, die des anderen! Gestern war wieder so eine Situation. Mir war ein Video untergekommen, das die Polizei in Brandenburg gedreht hat. Sie wollten einfach einmal wissen, wie sich Ersthelfer ‚in Echt‘ verhalten. Übrigens: Erschreckend! Aber was mich genauso erstaunt hat, war die spontane Reaktion meines Gegenübers.

Das war ein schlichtes ‚das glaube ich nicht‘. Einfach so. Ohne Begründung, ohne Details. Dann kamen noch ein paar allgemeine Argumente, aber nichts Konkretes. Jedenfalls nichts, was etwas mit dem Film zu tun gehabt hätte, etwa die Frage, wer den denn gedreht hätte und so. Das hat mich schon sehr erstaunt. Erst einmal. Also schlief ich darüber und heute früh beim Aufstehen und Reflektieren klingelte es bei mir. Es entsprach der Haltung meines Gegenübers, sich exakt so zu verhalten! Und mit einem mal war das für mich logisch.

Wir Menschen haben ja eine Grundausrichtung, aufgrund unserer Erlebnisse und der Überzeugungen, die wir daraus gewonnen haben. Und diese grundsätzliche Haltung haben wir nur einmal, sie ist ja kaum wenig differenziert. Zur Erinnerung: Das Gehirn ist ein Netzwerk aus verdammt vielen Zellen. Aber nicht die Zellen machen unsere Denkleistung aus, sondern das Netzwerk. Und Netzwerke differenzieren erst einmal nicht, sondern haben zumindest zu Anfang eine gemeinsame Meinung. Das haben Systeme nun mal so an sich. Wenn sie sich nämlich differenzieren, fallen sie meist schnell auseinander. Weiß man von Freundschaften und Partnerschaften sehr gut. Ich sage immer Kommitment dazu.

Und das hat mich dann doch sehr an mich erinnert. Was mich in einen Konflikt mit etwas Grundsätzlichem brachte, habe ich früher einfach ausgeblendet, nicht wahrgenommen oder schlicht ignoriert. Doch was ist dieses ‚Grundsätzliche‘ überhaupt? Nichts anderes als eine innere Überzeugung, nicht (und nicht etwa nur selten) hinterfragt. Und immer dann, wenn diese Überzeugung in Gefahr ist – warum auch immer – kommt das Schwert des ‚ich will es nicht wissen‘, das einem den Weg versperrt. Genauer, es versperrt der Wahrheit den Weg. 

Denn bei einem eigentlich belanglosen Video die Wahrheit zuzulassen würde ja bedeuten, die Wahrheit überhaupt zuzulassen! Eben eine Haltung! Als ich darüber so nachdachte, stellte sich mir die Frage, welche Haltung ich denn mittlerweile habe. Und ich stellte fest, dass ich diese Haltung auch nur einmal habe. Einmal! Aber über meine Haltung nachzudenken, das ist mir zu anstrengend. Da nehme ich mir doch lieber einen bereits definierten Kodex, den ich einfach gut finde, und lebe danach. Modelling nennt man das im NLP. Ist wesentlich einfacher, und vor allem, es funktioniert.

Man braucht einfach nur den richtigen Kontext mit dem richtigen Kodex und man will die Wahrheit wissen. So einfach soll das sein? Ja, ist es. Wenn man sich konsequent daran hält.