Will ich die Welt retten?

Und will ich oder soll ich überhaupt mich selbst retten?

Da fällt mir gleich das Buch „Hilflose Helfer“ von Wolfgang Schmidbauer ein. Wie hilfloser muss sich dann erst recht ein Retter fühlen, wenn schon ein Helfer an seine Grenzen stößt?

Es ist das Gefühl der Hilflosigkeit, die sich immer dann einstellt, wenn wir einem anderen helfen oder retten wollen. Natürlich kann man mir helfen, etwa das Dach auf meiner Gartenhütte zu reparieren. Aber wenn es um mein Innenleben geht, da kann mir niemand helfen und erst recht kann mich niemand retten.

Ich habe gerade einen Text wieder gefunden, den ich mal schrieb:„Kein Mensch kann über sich selbst hinauswachsen. Er kann nur zu seinen Möglichkeiten erwachen.“ Gut, klingt ein wenig theatralisch. Aber es stimmt im Grunde schon. Und wenn ich meine Möglichkeiten nicht sehe, dann werde ich eben hilflos. Entweder, weil ich meine Möglichkeiten unter- oder weil ich sie überschätze. Das Ergebnis ist letztlich identisch, jedenfalls dann, solange die Kompensationsstrategien nicht greifen. Aber das macht es auch nicht besser.

Kann ich einen Menschen von seiner psychischen Krankheit heilen?. Das kann ich nicht. Denn das kann nur er selbst. Ich kann ihm, sofern ich die notwendige Kompetenz habe, zwar Hinweise und Fingerzeige geben, aber sehen muss er es selbst. Will ich ihm aber helfen im Sinne von „Ich tue es für Dich“, dann werde ich zwangsläufig hilflos. Und wenn ich nicht rechtzeitig damit aufhöre, helfen oder retten zu wollen, bekomme ich eine ordentliche Depression. Also höre ich auf, die Welt oder sonst jemandem helfen oder ihn gar retten zu wollen. Selbstredend kann ich einem anderen sagen, was er meiner Meinung nach falsch macht, aber helfen kann ich ihm nicht. Das muss er schon selber begreifen.

Wenn mir mein Nachbar hilft, das besagte Dach zu reparieren, dann haut er die Nägel rein, nicht ich. Er macht es für mich. So funktioniert helfen. Wer also helfen will, sollte sich genau überlegen, ob er das auch kann. Wenn nicht, bekommt er wie gesagt entweder eine Depression oder er geht dem anderen gehörig auf die Nerven. Missionieren nennt man das dann wohl.

Also sollten wir tunlichst aufhören, anderen retten oder ihnen helfen zu wollen. Machen wir das doch, haben wir selbst ein gewaltiges Problem. Wenn ich helfen will, es aber ganz offensichtlich nicht kann, und weder eine Depression bekommen noch missionieren will, was bleibt mir dann noch, um meine tatsächliche Hilflosigkeit zu verdrängen? Ganz einfach, ich bilde mir ein, Kontrolle worüber auch immer zu haben, wo ich in Wahrheit aber keine habe. Ein Beispiel:

Wenn ich etwa sagen „Ich weiß, was du meinst“, dann wird das sehr gefährlich, es sei denn natürlich, der andere stimmt mir zu. Woher soll ich denn auch wissen, was ein anderer gesagt und erst recht was er gemeint hat? Da müsste ich ja eine direkte Pipeline von den Hörnerven in mein Bewusstsein haben. Und den ganzen mentalen Prozess einfach ignorieren. Eine wunderbare Kompensation. Nur sehr autoaggressiv. Aber vielleicht immer noch besser, als die Autoaggression auf der körperlichen Ebene auszuleben.

Also lassen wir das mit dem Helfen und Retten. Aber eine Frage bleibt: Kann ich mich selbst retten? Also psychisch? Kann ich natürlich nicht, wie auch? Wer sollte da bitte wen retten? Das wäre doch schlicht gelebte Schizophrenie und nichts anderes! Wenn ich also davon spreche, mich selbst zu retten, dann kultiviere ich nur wieder eine neue Illusion. Im Grunde will ich ja doch nur Zeit gewinnen. Und empfehle ich das einem anderen, dann führe ich ihn gewaltig aufs Glatteis, wobei es nicht darauf ankommt, ob mir das bewusst ist oder nicht. Glatteis ist es, und dass ich es nicht bewusst tue, macht es für den anderen keinen Deut besser.

Aber so ist das nun einmal in der Konvention. Wie sagt doch Scott Peck über diese Art der Kommunikation? „Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“ Und ihr einziger Zweck ist, die Illusion aufrecht zu erhalten. Von welcher Illusion aber rede ich eigentlich? Ich rede von der Illusion, ein abgetrenntes, aus sich selbst heraus existierendes Etwas zu sein. Was für eine gewaltige und vor allem fatale Illusion! 

Fazit, wir können die Welt leider nicht retten. Aber wir sollten auch nicht die Hände in den Schoß legen, fatalistisch das Haupt senken und die Augen niederschlagen. Sondern wir sollten schlicht und einfach sehen, was wir tun – und nicht, was wir glauben, dass wir es tun würden. Einfach nur sehen. Wenn wir das wirklich tun, dann hören wir in der Regel sofort auf, weiter Blödsinn zu machen. Vorausgesetzt, wir sind bereit konsequent an uns zu arbeiten und die vertrackten Gehirnstruckturen aufzulösen.

Und damit wäre der Welt wirklich gedient. Wenn ich selbst das Richtige tue, dann ist es doch perfekt, oder nicht? Und ja, ich denke, das genügt auch. Mehr geht einfach nicht.