Wir selbst haben die Wahl. Definitiv.

Was auch immer wir tun – es ist absolut unsere eigene Entscheidung.

Es gibt gewissermaßen zwei Welten, in denen wir gleichzeitig leben; die eine empfinden wir als real, die andere hingegen erleben wir als gedanklich, sozusagen ganz privat, unsere ganz eigene Welt, die niemanden sonst etwas angeht. Eine innere und eine äußere Welt, sauber von einander getrennt. Ein großer Irrtum! Kampfkünstler etwa sprechen von dem ‚inneren Weg‘, ohne den zu gehen der Kampf oder heute der Sport nicht zur Kunst wird und auch nicht werden kann.

Dank der Quantenphysiker haben wir es heute schwarz auf weiß und es ist nicht bestreitbar unter Beweis gestellt, dass es genau so ist, mit der Folge, dass wir es ehrlicherweise nicht mehr leugnen können: Die ‚äußere‘ Welt gestalten wir durch unsere ‚innere‘ Welt. Ausnahmslos. Also nichts mit ‚privat‘ und nur meins. Denn diese Welten sind tatsächlich Eins, das in sich differenzierte Eine, wie Hans-Peter Dürr es nannte.

Das ‚Problem‘ bei dem Ganzen ist, dass wir uns sehr, sehr viel auf unseren freien Willen und unsere angeblich bewussten Entscheidungen einbilden. Wir glauben tatsächlich, wir könnten tun und lassen, was wir wollen. Doch tatsächlich sind wir – Entschuldigung – konditioniert wie die Zirkustiere. Und springen brav durch jeden Ring, den man uns hinhält – wenn wir entsprechend konditioniert sind. Aber konditioniert sind wir, definitiv. Eine Konditionierung ist üblicherweise ein Glaube, den wir für eine Wahrheit halten, auch wenn er nicht wahr ist. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute ist, dass wir es selbst sind, die uns derart konditionieren. Es sind eben nicht die ominösen und selten bekannten ‚Anderen‘ und auch nicht die Eltern, die uns zwingen, all diesen destruktiven Blödsinn zu machen. Wir sind wie die Schafherde, die sich alle durch das Tor am Gatter drängen, weil sie nicht merken, dass der Zaun nicht mehr da ist. Dass wir in diesem Sinn keine Opfer, sondern Täter sind, gibt uns die Macht über uns selbst zurück.

Nur müssen wir dabei immer daran denken, dass wir nicht frei von Konditionierungen sein können. Wir könnten weder laufen noch Essen kochen oder Auto fahren, wenn wir uns nicht entsprechend konditioniert hätten. Aber unsere gedanklichen Konditionierungen können wir uns definitiv selbst aussuchen. Ich kann mich dazu konditionieren, ein Ignorant zu sein – aber ich kann mich auch dazu konditionieren, ein mitfühlender Mensch zu sein.

Wir sind vor allem in unserem Denken vollkommen konditioniert, aber diese Konditionierung können wir uns wie gesagt tatsächlich selbst aussuchen, vorausgesetzt, wir sind uns ihrer bewusst und leugnen die Konditionierungen nicht. Und dann können wir genau die für uns anwenden beziehungsweise einüben, die wir für gut und richtig halten. Aber nicht nach Gusto und mal so oder so, sondern nach dem Prinzip ‚entweder – oder‘. Und wenn wir keine wirklich klare Entscheidung treffen, haben wir tatsächlich schon eine getroffen, nämlich ‚nein‘. Das ist so, weil wir nicht von außen organisiert werden können, sondern weil wir selbstorganisierend sind.

Klare, präzise, eindeutige und wohl überlegte Entscheidungen sind also unabdingbar, wollen wir diesen ‚inneren Weg‘ auch wirklich gehen (siehe oben). Dabei dürfen wir nicht außer acht lassen, dass wir zwar ‚innen‘ und ‚außen‘ als von einander getrennt erleben, beide aber fraglos eins sind. Vernachlässigen wir nämlich den äußeren Aspekt, dann taugt auch der innere nicht, dann bleibt es bei der Idee und nicht mehr. Also muss der ‚innere‘ Weg im ‚äußeren‘ sichtbar werden.

Kennen Sie die Geschichte von dem Sandkorn, das ein Strand sein wollte? Das Sandkorn war darüber ganz traurig, dass es nur ein Sandkorn war, aber nur solange, bis es begriff, dass es ja irgendwie auch der Strand war. Zwar mit allen anderen Sandkörnern zusammen, aber es war definitiv sowohl Sandkorn wie Strand. 

Darin liegt unsere Macht genauso wie unsere Ohnmacht. Wir sind mächtig durch das, was wir denken. Doch wir dürfen uns nicht der Ohnmacht ergeben, die sich leicht einstellt, wenn wir sehen, dass wir nur ein Aspekt von vielen sind und uns das Gefühl beschleicht, dass es doch eh alles keinen Sinn hat. So zu denken wäre fatal. Und wieder einmal kommt es nur darauf an, wie wir denken. Also ich. Denn für Sie kann ich nicht denken, das müssen Sie schon selber tun.

Wissen tun wir das alles beziehungsweise wir könnten es wissen, wenn wir uns entsprechend informieren würden. Oder wir haben vielleicht noch nicht die Konsequenz aus diesem Wissen gezogen. Warum auch immer. Aber kommt es darauf an, warum wir es nicht tun? Nein, das tut es nicht. Es kommt alleine darauf an, dass wir es tun!

Die Frage, die bei solchen Gedanken immer wieder auftaucht, das ist die Frage, warum uns Menschen es so schwer fällt, das auch umzusetzen. Also mir fiel es verdammt schwer, die gedankliche Kurve zu bekommen. Und auch heute noch komme ich manchmal gewaltig ins Stolpern. Keine Frage! Aber es wird immer besser – und vor allen Dingen leichter und einfacher. Eben eine Konditionierung! 

Doch dazu brauche ich den anderen, das Gegenüber, das mich darauf hinweist, welcher Konditionierung ich gerade folge. Die eigenen Konditionierungen zu merken ist ja verdammt schwer. Wenn mir es aber einer sagt, wie er mich gerade erlebt, dann kann ich darüber nachdenken, ob ich die entsprechende Konditionierung noch behalten will oder doch lieber gegen eine bessere austauschen möchte. Dazu gibt es eine gute Geschichte, jedenfalls finde ich das:

Ein mächtiger und gefürchteter Samurai ging einmal zu einem Mönch. ‚Mönch‘, sagte er in einem Ton, der sofortigen Gehorsam gewohnt war, ‚lehre mich etwas über Himmel und Hölle!‘. Der Mönch sah zu dem Krieger auf und entgegnete voller Verachtung: ‚Dich etwas über Himmel und Hölle lehren? Überhaupt nichts kann ich dich lehren! Du bist schmutzig. Du stinkst. Deine Klinge ist rostig. Du bist eine Schande für die Klasse der Samurai. Geh mir aus den Augen. Ich kann dich nicht ertragen.‘

Der Samurai wurde zornig ob dieser Worte. Er war sprachlos vor Wut. Er zog sein Schwert und hob es hoch, um den Mönch damit zu erschlagen. ‚Das ist die Hölle‘, sagte der Mönch sanft. 

Überwältigt hielt der Samurai inne. Das Mitgefühl und die Demut des Mönches berührte das Herz des Samurai. Jener Mensch war bereit sein Leben zu geben, um ihn zu lehren, was die Hölle ist. Entwaffnet senkte er sein Schwert. Er fühlte einen tiefen, inneren Frieden. Sein Herz füllte sich mit Dankbarkeit. Seine Augen begannen warm zu leuchten. ‚Und das ist der Himmel‘, sagte der Mönch freundlich.

Im Grunde ist das keine Geschichte, sondern unsere ganz alltägliche Wirklichkeit. Die Hölle ist in uns. Der Himmel aber auch. Es ist allein unsere Entscheidung, unsere Wahl, welchen Weg wir im Leben gehen. Und nicht ‚wollen‘, sondern auch wirklich gehen! Dass das alles nicht so einfach zu sein scheint, das zeigt uns die Realität unserer Gesellschaft. Nur ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. 

Aber es steckt noch etwas anderes in der Geschichte, nämlich die Haltung und das Verhalten des Mönchs. Er erreichte den Samurai nicht dadurch, dass er ihn ablehnte, sondern durch seine innere Ruhe, Gelassenheit und Sanftheit, genauso wie seinen Mut, ihm die Wahrheit zu sagen, als der sie auch wissen wollte. Einem philosophischen Exkurs über Himmel und Hölle wäre er gedanklich kaum gefolgt. Es war die Konfrontation mit seiner eigenen Wirklichkeit, die ihn erreichte, weil sie einfach nur ehrlich, aber ohne Vorwurf war. 

Und der Mönch belehrte ihn nicht, sondern er spiegelte ihn. Dadurch nahm er dem Samurai nicht die Möglichkeit, sich selbst zu erkennen. Wie sagt doch Victor Frankl? Jeder muss es selbst erkennen! Wirklich jeder! Und das lässt sich nun einmal nicht erzwingen. Nelson Mandela wird immer ein Text zugesprochen, den er aber wohl nie gehalten hat, aber er passt zu ihm. Es ist ein Text von Marianne Williamson, der das Dilemma sehr gut umschreibt, in dem viele von uns erst einmal feststecken:

‚Unsere grösste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.
Unsere grösste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht.
Wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?
Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen?‘

Machen wir uns einfach bewusst, dass wir dieser Kosmos sind. Gäbe es diesen Kosmos nicht, gäbe es uns nicht. Gäbe es aber uns nicht, gäbe es den Kosmos genauso wenig. Das kann man nicht erklären, aber man kann es begreifen und verstehen. Also hören wir einfach auf, entweder unsere egoistischen und selbstbezogenen Gedanken und Handlungen zu ignorieren oder uns darüber zu grämen, hören wir endlich auf, uns als Opfer zu fühlen und nehmen wir endlich an, was wir sind und tun, nicht unbedingt, was wir tun könnten, sondern was uns gegeben ist, zu tun. Tatsächlich sagte Nelson Mandela unter anderem das: 

‚Unser tägliches Handeln als gewöhnliche Südafrikaner muss eine südafrikanische Realität schaffen, die den Glauben der Menschheit an die Gerechtigkeit und das Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit der menschlichen Seele stärkt und all unsere Hoffnungen auf ein ruhmreiches Leben für alle stützt. All dies schulden wir sowohl uns selbst als auch den Völkern der Welt, die heute hier so zahlreich vertreten sind.‘

Streichen Sie einfach den Bezug zu Südafrika und berücksichtigen Sie, dass jedes Handeln auf dem Denken beruht. Und ja, wir schulden das den Menschen und dieser Welt. Und ich sage bewusst ‚wir‘ und nicht ‚ich‘.

Aber eins bleibt: Es ist allein unsere Wahl und unsere Entscheidung.