Wissen und seine Grenzen

Will ich wissen, warum ich bin, wie ich bin, brauche ich Wissen und kein Erklärungsmodell. Und ich muss die Grenzen dieses Wissens klar sehen und respektieren.

In dem ganzen Thema ‚Selbsterkenntnis‘ steckt ein grundlegendes Problem. Wenn wir gezeugt werden, sind wir wie weißes, unbeschriebenes Papier, das wir mit der Zeit immer mehr beschriften und kolorieren – mal mehr, mal weniger bunt. Diesen reinen, unverstellbaren Kern verlieren wir nie. Jedenfalls ist das meine Ansicht. Nur umhüllen wir diesen Kern im Laufe unseres Lebens mit allerlei Geschichten, wozu auch die neun Monate in Mamas Bauch gehören. Ob diese Geschichten überhaupt stimmen, ob also unsere Annahmen über die Welt, das Leben, uns und den Rest stimmig sind oder nicht, wissen wir leider nicht.

Also ziehen wir Persönlichkeitsmodelle zu Rate, etwa den MBTI oder den DISG. Oder wir nehmen Horoskope, die uns sagen können, wie wir sind. Je mehr wir uns damit beschäftigen, desto sicherer werden wir, was aber nicht bedeutet, dass das auch wirklich berechtigt wäre. Ich habe das mal begriffen, als mir bewusst wurde, dass ich den MBTI einmal durchlaufen hatte. Seither glaube ich mir nicht mehr so viel, was auch ganz gut ist. Und auch mit dem Horoskop habe ich so meine Probleme. Mir hat noch keiner erklären können, dass wer zum Beispiel zwischen dem 21. März und dem 20. April geboren wurde, laut Astrologie Widder ist – aber eigentlich steht die Sonne erst im Sternbild Fische. Und wissenschaftlich ist das Ganze ja auch irgendwie nicht haltbar.

Mir ist zwar klar, dass im Namen der Wissenschaft auch viel Unfug verzapft wird, aber so ganz von der Hand zu weisen ist sie ja doch nicht. So wie etwa der Barnum-Effekt . Und der sagt mir eben, dass wir verdammt aufpassen müssen, nicht auf uns selbst hereinzufallen. Aber es fällt uns einfach sowas von schwer, Unerklärliches nicht unbedingt erklären zu wollen. Und erst recht dann, wenn es uns selbst betrifft. Aber ich sitze immer noch hier in meinem Sessel und tippe auf meinem Laptop, auch wenn ich nicht weiß, worin sich das Universum befindet. Oder ob es doch einfach nur Geist ist und Raum und Zeit nur irgendeine Art von Fiktion? Keine Ahnung. Aber muss ich das wissen, um mein Leben gestalten zu können?

Nein, das muss ich definitiv nicht. Jedoch, ich muss die Struktur der Schalen erkennen, die ich um meinen Kern gezogen habe, will ich hinaus in die Freiheit. Nur bitte ohne irgendwelche Konzepte, die mir sagen, wie ich wäre oder zu sein hätte. Das ist nämlich ziemlich bescheuert, mir von einem anderen sagen zu lassen, wie ich ‚eigentlich‘ wäre, wenn ich wäre, wie ich bin. Nein, ich bin, wie ich bin. Und was dem Kern zuwiderläuft, das muss ich eben schnellst möglich loswerden. Dafür sind andere gut, die können mir sagen, was ich ihrer Meinung nach falsch mache. Dann liegt es an mir zu klären, ob das stimmig ist. Und es gegebenenfalls zu lassen.

Will ich sein, der ich in diesem Sinne sein könnte, muss ich einfach nur den ganzen Blödsinn lassen, den ich mir mal angeeignet habe. Dass das in gutem Glauben geschah macht es zwar erträglich, aber nicht wirklich besser. Und ich muss mir vor allem all das bewahren, was im Einklang ist. Aber bitte mit einer stimmigen Ideologie. Das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt. Naja, vielleicht das Zweitwichtigste. Das Wichtigste ist wohl zu akzeptieren, dass ich zwar lebe, aber dieses Leben nicht wirklich erklären kann.

Tja, die richtige Antwort auf die Frage nach dem Leben ist wohl wirklich »42«.