Zwei Wahrheiten

Das Leben ist ein Spiel, dessen Spielregel Nr. 1 lautet:
Das ist  kein Spiel, das ist todernst!

Alan Watts

Nagarjuna, der große Philosoph des Buddhismus, hat die Wirklichkeit in zwei Wahrheiten oder Wirklichkeiten ‚gedacht‘, wobei beide gleichzeitig existieren, jedoch nur eine über unsere Sinnesorgane wahrgenommen werden kann. Die andere muss man sich denken.

Eine tolle Denkleistung, bedenkt man, wann Krishnamurti gelebt hat und was man damals von der Welt wusste. Dass er mit diesen Gedanken vollkommen richtig lag, das wurde so um die Jahrhundertwende bewiesen. Das Faszinierende ist, dass das die vorletzte Jahrhundertwende war, das aber bis heute scheinbar kaum jemand registriert hat.

Ich selbst habe auch eine ganze Weile gebraucht, das in mein Hirn reinzulassen. Zu kapieren ist das total einfach. Was es so schwierig macht, das zu verinnerlichen und in das eigene Denken und handeln zu integrieren, ist schlicht und einfach, sich darauf einzulassen. Einen ganz ähnlichen Effekt habe ich erlebt, als ich mit 65 meinen Motorradführerschein machte. Alle haben sich schon ein wenig lustig über mich Angsthasen gemacht. Da konnte mir mein Fahrlehrer so oft wie er wollte sagen ‚du wirst nicht umfallen‘, ich tat einfach nicht, was ich sollte.

Es war die Angst. Und die war besonders ausgeprägt, weil ich erst einmal die alten Autofahrerkonditionierungen aus dem Kopf bekommen musste. Ganz sachlich. Ohne Emotionen. Angst ist nämlich eine Emotion. Seit einiger Zeit fahre ich mit etwas mehr Schräglage. Von jetzt auf gleich. Warum? Weil mir ein Freund sagte, wenn du mehr Schräglage hast, fällst du nicht so weit nach unten, ist letztlich ungefährlicher. Logisch. Ist angekommen. Und ich habe es, wie gesagt, kapiert.

Und genau darum geht es. Ich komme immer dann weiter, wenn ich mich aus dem Dickicht meiner Emotionen gelöst habe. Dabei sprechen manche oft von ‚Empfindung‘, wenn sie etwas nicht sehen, es aber eben empfinden, wobei ein sensorisches Gefühl leicht mit einer Emotion, einem physiologischen Phänomen, gleichgesetzt und synonym betrachtet wird. Aber es ist immer die Folge einer Wahrnehmung, besser die Interpretation einer Wahrnehmung.

Also bitte ganz nüchtern betrachten. Wenn wir das Meer betrachten, so können wir sehen, dass jede Welle einen Anfang und ein Ende hat. Wir können die Wellen vergleichen und beobachten, dass manche Wellen groß sind, andere klein, manche schön und imposant, andere flach und weniger auffällig. Dies ist jedoch nur das Erscheinungsbild der Welle in der begrifflichen, der relativen Wirklichkeit. Die wahre Natur der Welle beschränkt sich nicht auf das Erscheinungsbild in der Welt unserer Worte und Ideen. Die wahre Natur der Welle ist Wasser. Diese wahre Natur kann sie nicht verlieren, sie hat sie schon immer gehabt und sie wird sie immer behalten.

Es wäre traurig, wenn die Welle nicht wüßte, dass ihre wahre Natur Wasser ist. Wenn sie dies nicht weiß, wird sie möglicherweise darunter leiden, dass es andere größere oder schönere Wellen gibt, dass sie sich dem Ufer nähert oder dass ihre Existenz als Welle vergänglich ist. Sie wird sich fragen, was sie wohl am Ufer erwartet. Sie wird Angst haben und unter dieser Angst leiden. Und genau das machen viele Menschen. Sie sehen nur die Oberfläche, nicht das Innen.

Braucht man angesichts dieser Umstände noch mehr Gründe, um sich endlich aus nicht hilfreichen Konditionieren und gesellschaftlicher Konvention zu lösen und endlich so zu leben, wie man leben kann? Wenn die Welle erkennt, dass ihre wahre Natur Wasser ist, kann sie sich von ihrem Leiden befreien. Der Weg der Praxis beginnt durch das Tor des Wissens. Ein Buch, ein Gespräch oder eine Webseite können der Anfang sein.

Unsere tägliche Erfahrung ist von begrifflichen Gegensätzlichkeiten geprägt. Fortwährend unterscheiden wir zwischen neu und alt, klein und groß, gut und schlecht, vorteilhaft und unvorteilhaft. Diese Begriffe aber können die Wahrheit nicht wirklich beschreiben. Was heute gut ist, kann morgen schlecht sein. Wenn ich mir heute das Bein breche, werde ich das als Unglück betrachten. Dieselbe Tatsache kann mir morgen als großes Glück erscheinen, wenn ich zum Beispiel erkenne, dass ich wegen meines Unfalls einen Zug nicht bestiegen habe, von dem ich erfahre, dass er entgleist ist.

Die Realität ist nie nur gut oder nur schlecht. Sie ist eben, wie sie ist. Unsere Neigung, alles zu bewerten und zu kategorisieren, schafft immer neues Leiden. Der Dualismus der Begriffe blockiert unseren Blick auf die Wirklichkeit und sperrt uns in ein Gefängnis der Worte. Um uns aus diesem Gefängnis zu befreien, hat Nagarjuna die folgenden acht Negationen formuliert:

Es gibt keine Erzeugung,
es gibt keine Vernichtung,
es gibt keine Fortführung,
es gibt keine Unterbrechung,
es gibt keine Einheit,
es gibt keine Vielheit,
es gibt kein Ankommen,
es gibt kein Weggehen.

Diese Negationen mögen uns zu Beginn wie eine philosophische Spielerei erscheinen, je länger wir uns aber darauf einlassen, desto tiefer wird ihre Wahrheit uns durchdringen.